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Literaturarchiv Marbach : Mehr Vergangenheit wagen?

  • -Aktualisiert am

Ist zuletzt unter Druck geraten: Sandra Richter, seit 2019 Direktorin des DLA Marbach Bild: dpa

Mut zur Lücke oder Stausee für den Twitterfluss? Bei einer Grundsatzdebatte in Marbach wird die Zukunft des Literaturarchivs diskutiert. Was gehört hinein, was nicht, hat ein Archiv einen Kanon? Streit ist unvermeidlich.

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          Was gehört ins Deutsche Literaturarchiv (DLA) und was nicht? Über diese Frage wird schon lange gestritten – nicht erst, seit die derzeitige Direktorin Sandra Richter im Amt ist und sich unter anderem darin starker Kritik ausgesetzt sieht. Vereinfacht gesagt und zugespitzt, stehen sich bei der Beantwortung der Frage zwei Gruppen gegenüber: Die eine kritisiert, das DLA wolle demnächst wohl nur noch Computerspiele sammeln und drohe seine Qualitätskriterien zu verlieren, die andere sagt, das Archiv solle auf den Medienwandel reagieren und zudem weniger elitär werden.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Bei einer digitalen Tagung unter dem Titel „#LiteraturarchivDerZukunft“ thematisierte Marbach diese und verwandte Streitfragen am Mittwoch nun offensiv – mit vielen Beteiligten aus der Wissenschaft, benachbarten Institutionen und dem Literaturbetrieb und entlang von Thesen. Etwa: „Literaturarchive müssen ihren Literaturbegriff selbst offen halten, um die disruptive Qualität neuer Literaturformen angemessen würdigen zu können. Ein stabiler Kanon, der Gattungen und Ausdrucksformen von Literatur eindeutig festlegte, wäre also kontraproduktiv.“

          Also einfach alles sammeln? Das geht physisch freilich nicht, denn Marbach ist trotz einiger Archiverweiterungen bald ausgelastet, und wenn es zumindest digital ginge, wäre es noch immer ein Graus für die Verfechter von Qualitätskriterien. Ohnehin scheint man bei digitaler Literatur sehr fern davon, alles zu archivieren – laut der Publizistin Kathrin Passig eher gar nichts, was sehr bedauerlich sei: „Das Nichtarchivieren von fast hundert Prozent der auf Deutsch veröffentlichten Literatur im Netz ist so, als würde alle paar Tage eine Anna-Amalia-Bibliothek abbrennen“, sagte sie als Referentin der Tagung, die sie selbst live auf Twitter auch laufend mitkommentierte. Passig nannte triftige Beispiele von Verlusten, etwa aus dem Frühwerk Wolfgang Herrndorfs, aber anderseits konnte man sich unter diesen Verlusten vielleicht auch manche verschmerzbare vorstellen, wenn man die Textgattungen sah, die der Literaturwissenschaftler Fotis Jannidis zur Berücksichtigung vorschlug: darunter Trivialliteratur, Fanfiction und wiederum Computerspiele.

          Noch ein „Ort für Diskurse“?

          Angesichts digitaler Literaturformen stellen sich aber sowohl qualitative als auch technische Fragen zur Archivierung. Nimmt man einmal Äußerungen von Schriftstellern auf Twitter, etwa von solchen wie Saša Stanišić, Sibylle Berg und Clemens Setz, dann sieht man sehr schnell, wie unterschiedlich sich die Frage nach ästhetischer Bedeutsamkeit beantworten lässt.

          Zunehmend problematisch sind auch Fragen der Textgattung. Der Hanser-Verleger Jo Lendle wies auf die schwierige Trennung von Belletristik und Sachtexten hin, die Autoren schwer klassifizierbar macht. Der Kritiker Marc Reichwein forderte, das Archiv solle auch den digitalen Diskurs über Literatur speichern und nannte als Vorbild das Online-Medium „Perlentaucher“. Zudem wünschte er sich, dass das DLA auch gegenwärtige „Identitätsdiskurse“ strukturell abbilden und thematisieren solle.

          Zurück zur guten alten Institution?

          Damit ist man bei der zweiten zentralen Streitfrage, die Institutionen wie Marbach heute mehr denn je berührt und dort ebenfalls schon länger im Raum steht: Sollen sie Grundlagenforschung betreiben oder, wie schon Theater und Museen, „Stätten des Diskurses“ werden? Dass das DLA mit diesem allgemeinen Trend zu einer Art Meinungsmedium avancieren könnte, passt zur bereits unter Richters Vorgänger Ulrich Raulff erkennbaren Entwicklung. Der hatte dieser Zeitung einmal gesagt: „Wir sind nicht mehr auf dem einen Hügel, und auf dem anderen sitzt die Forschung und beäugt uns und kommt nach vielen Jahren durchs Tal dann zu uns. Sondern wir sind fast so etwas wie kommunizierende Röhren geworden“. Sandra Richter selbst hatte bei ihrem Antritt als neue Direktorin betont, das DLA sei „keine beliebige Informationsinfrastruktur und auch nicht einfach nur Dienstleister für seine Nutzer.“

          Erfrischend polemisch kritisierte die Leiterin des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen, Julika Griem, solche Entwicklungen, indem sie sagte, man solle sich nicht nur fragen „Was können wir alles machen?“, sondern: „Was dürfen wir nicht mehr machen?“. Mit dem interessanten Begriff des „Faszinationsmanagements“ plädierte Griem dafür, die „gute alte Institutionalität“ und Pflege von Standards wieder höher zu halten, statt überall auf Disruption zu setzen. Sie fragte: „Wie viel Projektförmigkeit kann sich ein Archiv leisten?“ Auch Patrick Bahners, verantwortlicher Redakteur für die Seite „Geisteswissenschaften“ dieser Zeitung, stellte als einer der Referenten der Marbacher Tagung die Frage nach der Neutralität des Archivs, indem er dessen Selbstbeschreibung als „Denkfabrik“ kritisierte. Eine Denkfabrik diene „der arbeitsteiligen Herstellung von Expertenwissen auf Bestellung“.

          Marcel Lepper, der einst auch am DLA tätig war und heute das Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar leitet, gab zu bedenken, dass Publikumsorientierung ja nicht bedeute, sich diesem ganz unterzuordnen. Zudem gebe es am DLA mit dem Schillerverein und der Stiftung öffentlichen Rechts auch wirksame Kontrollinstanzen, die dies vermieden.

          Die Verbindung zum Publikum ist in Marbach auch durch das Literaturmuseum der Moderne gegeben. Auf weiteren Diskussionspanels wurde auch die Ausstellungsform erörtert, die zuletzt manchmal in die Kritik geraten war. Der Gestalter und Typograph Friedrich Forssman, der schon mehrfach in Marbach tätig war, drehte den Spieß um und kritisierte die Kritiker von Ausstellungen, die oft gar nicht auf deren Materialität eingehen. Auf die Schlüsse, die Sandra Richter und die Museumsdirektorin Heike Gfrereis, die selbst mitdiskutierten und teils einlenkten, teils der Kritik widersprachen, daraus ziehen, kann man gespannt sein.

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