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Gina Thomas (G.T.)

Cancel Culture : Schriftsteller vor dem Sittengericht

  • -Aktualisiert am

Die Schriftstellerin Lionel Shriver hat Passagen ihres neuen Buchs verändert, aus Furcht vor den Forderungen der „Identitätspolitik“. Bild: dpa

Die Literatur bleibt von der „Cancel Culture“ nicht verschont. Die amerikanische Schriftstellerin Lionel Shriver verändert in vorauseilender Furcht ihren Roman. Ein anderes Buch erscheint gar nicht.

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          Die Onlineausgabe des Oxforder Wörterbuchs der englischen Sprache definiert den Begriff „kulturelle Aneignung“ als „unangemessene Aneignung der Gewohnheiten, Bräuche, Ideen eines Volkes oder einer Gesellschaft durch Angehörige eines anderen, typischerweise dominanteren Volkes“. Die Definition des konkurrierenden Cambridge-Wörterbuches ist noch wertender. Sie bezeichnet kulturelle Aneignung als „das Verwenden von Dingen einer Kultur, die nicht deine eigene ist, ohne zu zeigen, dass du diese Kultur verstehst oder respektierst“.

          Das identitätspolitische Denken bemächtigt sich selbst eines als neutral geltenden Nachschlagewerkes – und umso mehr des Literaturbetriebs. Unlängst musste die Schriftstellerin Lionel Shriver einen Dialog in einem für Juni angekündigten Roman ändern, um dem Vorwurf vorzubeugen, sie betreibe durch die Verwendung eines leichten afrikanischen Akzents die Stereotypisierung von „Fremden“ oder „othering“. Dieser Tage sprach die renommierte Literaturagentin Clare Alexander vor einem Oberhausausschuss, der sich mit der Meinungsfreiheit im Internet befasst, über den Einfluss der „Wokeness“-Apostel auf den Buchmarkt.

          „Cancel Culture“ beeinflusst Verlagspolitik

          Sie erwähnte die geplante Biographie einer angesehenen Autorin über den entkommenen Sklaven Tony Small, den der irische Adelige Lord Edward Fitzgerald nach Dublin mitnahm aus Dankbarkeit, dass er ihm im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg das Leben gerettet hatte. Verleger auf beiden Seiten des Atlantiks hätten das Projekt abgelehnt aus Furcht, der Markt werde das Buch einer weißen britischen Historikerin über einen Schwarzen nicht tolerieren. Daher hat die Historikerin ihr Konzept verändert und will Tony Small nun in einer Mehrfachbiographie unterbringen. Alexander beklagte auch die lähmende Wirkung der Onlinehetze vor allem auf ältere Autoren. Sie fühlten sich desorientiert durch die „Cancel-Kultur“ und wüssten nicht mehr, worüber sie schreiben sollten.

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          Kürzlich äußerte Kazuo Ishiguro ähnliche Sorgen über das durch den Onlinemob verursachte Klima der Angst, wobei der Literaturnobelpreisträger die Gefahr der Selbstzensur eher bei eingeschüchterten jüngeren Schriftstellern sieht als bei etablierten Namen. Die Anhörung des Oberhausausschusses fand in der Woche statt, in der mehr als zweihundert Mitarbeiter von Simon & Schuster in New York forderten, der Verlag dürfe keine Autoren mit Verbindungen zur Trump-Präsidentschaft publizieren.

          Kurz zuvor hatte W.W.Norton die Auslieferung und den Druck der zweiten Auflage einer neuen Biographie Philip Roths gestoppt wegen – bislang nicht erwiesener – Vorwürfe sexueller Belästigung gegen deren Autor Blake Bailey. Jeder Hinweis auf das Buch ist vom Internetportal des Verlages getilgt worden, Baileys Agent hat sich von ihm getrennt. Wenn das selbst ernannte Sittengericht des Gruppendenkens seine moralischen Gewissheiten – wie das bereits in der Kolonialismus-Debatte geschieht – auch in der Literatur nachträglich geltend machen sollte, würde der Kanon der Weltliteratur schlagartig schrumpfen.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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