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Apollinaire-Übersetzungen : Was pfeffern die uns bloß rüber?

  • -Aktualisiert am

Das Paket wurde mir ausgehändigt. Meine Lou ist köstlich, meine Lou ist mir alles, meine Lippen liegen für immer auf den Deinen, gute Lou, Du, liebste Seite meiner selbst.

Mein letztes Glas Wein trinke ich auf Dich und umarme Dich von ganzem Herzen.

Bis heute Abend.

Guillaume Apollinaire und Guillaume Kostrowitzky, 2. Fahrer, Artillerie-Regiment 38, 78. Batterie, Nîmes 166

***

24. Mai 1915

Was pfeffern die uns denn heute in der Pfingstnacht, nach ein paar Tagen Ruhe, bloß rüber. Es ist ein Uhr morgens. Gestern Vormittag war ich im Schützengraben bei unseren abkommandierten Mörser-Kanonieren. Ich habe die Löhnung gebracht. Wunderbarer Spaziergang. Pferd bei der Feldküche gelassen. Zurück über buchstäblich goldene Wiesen wegen der Butterblumen. Ich lauschte dumpfem Geschützfeuer. Auf der Straße sehe ich eine niedliche kleine Natter mit gelber Halskrause, wenn ich sie berührte, stellte sie sich schön tapfer auf und züngelte dabei, beim Kriechen wechselte sie oft die Richtung ihrer Windungen [Wellenlinie] oder [Wellenline].

Da kommt ein Bischof-Major angeritten, ich hatte ihn nicht kommen hören. Ich höre: „Sie suchen nach Spuren oder einer Fährte?“ Ich schaue auf und sehe einen weißbärtigen Greis, sehr milde Augen, Schiffchen mit vier goldenen Tressenwinkeln auf dem Kopf, großes violettes Ding um den Hals, Bischofskreuz an der Brust, schwarze, flatternde Soutane, lackierte schwarze Stiefel, Sporen. Ich antworte: „Ich schaue mir eine Natter an.“

Er hat mich mit sehr mildem Blick angeschaut und hat dann seinen Weg fortgesetzt. Auch die Natter ist weggehuscht, kleiner, guter Geist, der mir ein gutes Omen ist, auf dem Rückweg zu Mittag gegessen, dann beim Konzert im Park gewesen, von dem ich Dir erzählte, dann zurück zum Quartier, Briefe, von Dir nichts, ein Brief aber da von einem meiner Freunde, einem interessanten italienischen Schriftsteller, interessanter als der unechte D’Annunzio, dem die antiquierte Lieblichkeit einer alten Kokette anhaftet. Ich schicke Dir den Brief in einem weiteren Kuvert, adressiert an G. Apollinaire. Dann war ich in der Stadt essen, wo ich eingeladen war, ich habe bezaubernde Mädchen getroffen, das eine vor allem, wirklich reizend und ganz schön kokett, aber bei mir ist nichts zu machen, die Keuschheit selbst, da wurde uns fernmündlich die Entscheidung Italiens mitgeteilt und ich eilte los, zurück ins Quartier. Zu einem bestimmten Zeitpunkt hat die ganze Front zu Ehren des neuen Verbündeten Salutschüsse abgefeuert, das war wundervoll, die Nacht war angebrochen, die Schützengräben stießen einstimmig ein Vivat aus. Und nun antworten die Boches – Ich bin gespannt zu lesen, was in den Zeitungen steht, und zu erfahren, was nach der Kriegserklärung an der neuen italienischen Front passiert. Natürlich wird das eine Menge feldgrauer Soldaten beschäftigen. Na, umso besser, je mehr Leute in diesem Krieg mittanzen, desto kürzer wird er hoffentlich sein und desto schneller werden wir in unser Zivilleben wieder entlassen.

Ich kann mir nun vorstellen, dass die Deutschen jetzt schnell und gewaltsam all die Schlagkraft ihrer Marine gegen England einsetzen, um dem Land das Rückgrat zu brechen, und versuchen werden, seine Seestreitkräfte zu zerstören . . .

Auf dem Rückweg vom Konzert habe ich mich von einem Feldwebel der Jäger, den ich kenne, fotografieren lassen, ich bin mit Berthier unterwegs, der aus der Krankenstation entlassen wurde, und der mit mir auf dem Konzert war. Wenn das Bild gut wird, schicke ich es Dir.

Auf dem Weg ins Konzert, im Dorf, durch das ich gegangen bin und wo Militär ist, habe ich an der Kirche ein Schild gesehen mit der Aufschrift Gefängnis, das lässt einen erschauern, zumal es jetzt sehr sehr streng zugeht.

Soweit f. heute, auf Wiedersehen, kleiner Luchs, bis morgen, ich lege Dir ein ganz goldenes Insekt bei, das ich im Schützengraben gefunden habe. Ich kenne seinen Namen nicht.

Gui.

In Kooperation mit dem Deutschen Übersetzerfonds und dem Institut français

Guillaume Apollinaire, „Lettres à Lou“ © Editions Gallimard, Paris, 1969.

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