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Apollinaire-Übersetzungen : Was pfeffern die uns bloß rüber?

  • -Aktualisiert am

Unfallfreies Übersetzen ist auch keine Lösung

Nun eine andere Hürde: die Umgangssprache. Der frischgebackene Kriegsteilnehmer Apollinaire sieht seinen Kameraden beim Reiten zu, genauer beim „tape-cul“ („Klatsch-den-Arsch“), wie es im Brief heißt. Laut Lexikon bedeutet „tape-cul“ schlicht „ohne Steigbügel“ reiten, und weil auch wir Übersetzer buchgläubig sind, findet sich das in zahlreichen Texten übernommen. „Um 8:30 bin ich in der Reithalle, wo ich zusehe, wie meine Kameraden üben, ohne Steigbügel zu reiten.“ – „Unfallfreies Übersetzen“ nannte man das in der Jury. Alles ist richtig, und nichts ist hier wirklich da, weder der Stil noch die Dimension des Körperlichen: Es ist, als traue da einer oder eine der eigenen Sprachwahrnehmung nicht. Lösungen wie „Steißprellen lassen“ oder „sich den Hintern demolieren“ oder „Hoppereiterspielen“ sind schöne Versuche, doch sie überzeichnen, was im Französischen unauffälliger ist.

Jedes (gute) Original ist einzigartig und fordert je einzigartige Aufmerksamkeit inmitten translatorischer Routine. Apollinaire, der als Wilhelm Albert Włodzimierz Apolinary de Wąż-Kostrowicki in Italien geboren, sich 1914 erst einmal in Frankreich einbürgern musste, bevor er sich in seiner Kriegsbegeisterung zur französischen Armee melden konnte, hat vielen der Briefe an sein „Wölfchen“ (so eine andere Lösung) auch Gedichte beigelegt. In ihnen wird gereimt und binnengereimt, was nicht zusammengehört, und stärker noch als in den Briefen wird in den Gedichten Liebessehnsucht mit Kriegserleben enggeführt, etwa wenn die Stimme der Lou losschmettert (éclate) „wie nächtliche Fanfaren“. Im Mai-Brief paart sich die Schönheit der gülden leuchtenden Butterblumenwiesen mit dem Schrecken über die Existenz von Militärgefängnissen, bei denen man schaudernd ahnt, was hinter deren Mauern geschieht.

Eine Köstlichkeit

Beim Übersetzen muss man das, was man übersetzt, als Klang, als Bild und als Gedanke immer vor sich oder in sich haben. Schön etwa das Porträt des „verlogenen D’Annunzio mit seinen altmodischen Umgangsformen einer alten eitlen Frau“. Ein anderer der eingereichten Texte spielt souverän mit dem „R“: „aber nur hier habe ich inmitten des Radaus ein wenig Ruhe. Heute Reveille in der Dunkelheit, Appell im Regen.“ Das Übergesetzte muss so stimmig oder nicht stimmig sein wie das Original, sonst gibt man entweder das eigene Fremdeln wieder oder führt seine Leser in die Irre.

Die Angst, etwas falsch zu machen, weil man eine fremde Szenerie ja nie wirklich kennt, überschattet das Übersetzen oft. Die verschiedenen Austauschplattformen sowie die Seminare des Deutschen Übersetzerfonds sind notwendige Fortbewegungsmöglichkeiten aus den einsamen Schreibtischstunden – und sie sind immer wieder Anstoß, auf dem Befragen der Texte zu beharren: Warum nur fällt Apollinaire beim Geruch im Stall die Liebe ein? Im französischen Brief riecht der Stall „so gut wie die Liebe“ („sent bon comme l’amour“), doch erstaunlicherweise duftete der Stall in so manchen Einsendungen „nach Liebe“. Das steht nicht im Brief, passt aber vielleicht zu dem Gedicht „Je pense à mon Lou“, wo Apollinaire die Pferde (chevaux) mit den Haaren der Geliebten (cheveux) kombiniert.

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