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So viele „Bücher zur Stunde“ : Hölderlin mochte auch kein Homeoffice

Anne Frank: Lektüre für Tage in der Isolation? Bild: dpa

Zahllose Autoren sollen das passende „Buch zur Corona-Krise“ geschrieben haben. Jetzt hat es sogar Anne Franks Tagebuch erwischt. Langsam reicht’s.

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          Heute schon Hölderlin gelesen? Oder Blaise Pascal? Martin Heidegger? Thomas Hobbes? Und natürlich unbedingt und immerwährend: Albert Camus? Man muss nicht lange suchen, um auf diese und andere Autoren aus grauer Vorzeit zu stoßen und von ihrer absolut erstaunlichen Aktualität zu erfahren. Denn sie alle haben gemeinsam, zu Vordenkern der Krise erkoren zu werden, weil sie, glauben ihre Rezipienten, welche die Not ganz besonders erfinderisch macht, für die Corona-Gesellschaft „das Buch der Stunde“ geschrieben hätten.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Nun ist diese Zuschreibung bei einem Autor wie Camus unmittelbar einleuchtend. „Die Pest“ ist leicht zugänglich und liest sich wie eine Zuspitzung unserer schlimmsten Pandemie-Phantasien, die nach wohligem Schauder von einem tröstenden Gefühl begleitet werden, weil das Coronavirus wenigstens im Vergleich zur Pest noch harmlos ist. Doch schon im Hype um Camus konnte man sich wundern, wie schnell der allegorische Charakter des Werks zur Nebensache wurde, der die Übertragbarkeit auf Corona eben nur auf den ersten Blick plausibel macht. Das Buch stammt von 1947, Camus verarbeitet darin den Faschismus, die deutsche Besetzung Frankreichs, seine eigene Tuberkuloseerkrankung – Themen, die mit der Gegenwart nur wenig zu tun haben, zu schweigen von all dem existentialistischen Staub, der auf seinen beschwerten Gedanken liegt.

          Atemberaubend passgenau

          Das ist aber noch gar nichts gegen die Umdrehungen eifriger (oder vielleicht eher flüchtiger) Leser, die wie bei einem Horoskop alles und jeden atemberaubend passgenau für den gegenwärtigen Alltag machen. Hölderlin: der freiheitsliebende Autor für die Isolation! Pascal: hat schon immer gewusst, dass Homeoffice eine ganz schwierige Herausforderung ist, komme doch alles Unglück der Menschen daher, „dass sie nicht verstehn sich ruhig in einer Stube zu halten“. Heidegger: Man denke an die Lichtung des Seins, in der das Ich alleine steht, oder wie war das noch mal genau mit der undurchdringlichen Ontologie auf Abwegen? Wie auch immer: Wenn man es nur genügend will, ist Heideggers Nähe zu Corona ungemein augenfällig, denn stehen wir nicht alle gerade irgendwie ganz allein und höchstens digital vermittelt in der Lichtung des Seins? Nun gut. Hobbes erinnert uns, gesellschaftlich gefährdet durch die Pandemie, an den Wolf im Menschen, und wo der genau im Virus sitzt, werden wir sicherlich noch herausfinden, Hauptsache, wir befolgen, ohne es zu merken, die beliebte Pädagogik, mit der deutsche Hochschulen bereits seit geraumer Zeit infiziert sind: Macht die Werke anschlussfähig!

          Ist es schon schwindelerregend, die philosophischen Verrenkungen zu beobachten, die diese Devise nach sich zieht, wird es vollends abstrus, in der Ahistorizität nachgerade ärgerlich und zudem geschmacklos, wenn nun auch noch die Verfolgten des NS-Regimes dafür herhalten müssen, uns in der Corona-Zeit zu trösten. Das Tagebuch der Anne Frank, so war jetzt im „Tagesspiegel“ zu lesen, sei „das Buch der Stunde“. Denn Anne Frank zeige uns, wie man Isolation verarbeiten könne: durch Introspektion. Sie habe sich immer gefragt, wer sie sei, worin der Sinn des Lebens bestehe, was Glück ausmache.

          Diese Aneignung ist Anmaßung

          Daran also, ist aus dieser überraschenden Entdeckung zu schließen, sollten wir uns alle „in unserer Corona-Quarantäne“ ein Beispiel nehmen. Wie bitte? Bedarf es im Ernst einer Aneignung der jüdischen Lebensrealität in der NS-Diktatur, von der wir Nachgeborenen uns kaum eine Vorstellung machen können, um auf die Defizite unseres Umgangs mit dem Virus aufmerksam zu machen?

          Dass wir es viel einfacher hätten als Anne Frank, bemerkt auch die Autorin dieses kruden Vergleichs. Unerkannt bleibt aber, wie anmaßend es ist, hier überhaupt eine Parallele zu Opfern des NS-Regimes zu ziehen, als hätte das Leben unter Verfolgung, in Todesangst, in einem engen Versteck auch nur im Entferntesten irgendetwas mit der Situation zu tun, wie wir sie durch die coronabedingten Einschränkungen gerade erleben.

          Es sind solche gedankenlosen Verdrehungen, die uns bei aller Hilflosigkeit im Angesicht der Krisensituation eine Warnung sein sollten: Lasst die Werke in ihrem historischen Kontext. Nicht alle Lesefrüchte passen in die Gegenwart – und noch weniger sollten sie, nur weil uns selbst nichts Besseres einfällt, passend gemacht werden.

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