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Martin Schulz liest Jünger : Der ist doch einer von uns!

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz auf der Leipziger Buchmesse Bild: dpa

Martin Schulz will ausgerechnet Ernst Jünger postum zum verkappten Genossen machen. Das erfordert viel selektive Wahrnehmung. Unwillkürlich will man Jünger vor seinen falschen Freunden schützen.

          Südwestlich von Würselen, der Heimatstadt des SPD-Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten Martin Schulz, fanden gleich zu Beginn des Ersten Weltkrieges die schlimmsten Gemetzel statt. Bei der Eroberung von Lüttich im August 1914 durch die deutschen Streitkräfte zählte man nach heutigen Schätzungen etwa 20.000 Tote und Verwundete. Das Artilleriefeuer der Schlacht wird man in der Kleinstadt nahe Aachen deutlich gehört haben. Schulz’ Großvater war vor Verdun stationiert und musste auf seine französischen Cousins schießen.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Oft hat Schulz erzählt von diesem Mann, der als strenger Katholik stolz darauf war, niemals „Heil Hitler“ gesagt zu haben. Weniger oft hat er bislang von einem Mann geredet, der zugleich mit seinem Großvater an der Champagne-Front stand und sich mit einer Insekten-Zeitschrift in der Hand die Granaten um die Ohren fliegen ließ: Ernst Jünger. Neulich erst hatte Schulz mit der Bekanntgabe seiner Lektürevorlieben überrascht, als er – gefragt nach seinen Lieblingsbüchern – neben dem sozialkritischen Roman „Früchte des Zorns“ von John Steinbeck auch auf „Der Leopard“ hinwies, das Epos des großen Geschichtspessimisten und Moderne-Skeptikers Giuseppe Tomasi di Lampedusa.

          Jetzt hat Schulz sich auf der Leipziger Buchmesse in einem Gespräch mit dem Historiker Volker Weiß über die „Faszination des Autoritären“ dazu bekannt, ein Ernst-Jünger-Leser zu sein. Während der in seinen Kreisen früher als „Rechter“ verschrien war, seien ihm Zweifel an einer derart diffamierenden Einordnung gekommen, als er erfuhr, dass auch Frankreichs sozialistischer Präsident François Mitterrand die Werke von Jünger gelesen habe. Seitdem habe er immer wieder fasziniert in „Siebzig verweht“, dem späten Tagebuchzyklus von Jünger, gelesen und dabei überrascht festgestellt: „Der ist im Verlauf seines Lebens immer linker geworden.“

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          Nun ist es zunächst einmal schön, dass heute auch ein prominenter Sozialdemokrat ohne Scheu den Namen eines Schriftstellers im Mund führen kann, der in linken Kreisen lange Zeit tatsächlich als umstritten bis anrüchig galt. Als Jünger 1982 den Goethepreis der Stadt Frankfurt entgegennehmen sollte, wurde von Seiten der SPD noch heftig gegen die Ehrung protestiert. Ein ideologischer Wegbereiter des Faschismus passe nicht zur „humanistischen Tradition“ des Goethepreises, so der Tenor damals. Eine derartige Moralhysterie scheint heute überwunden.

          Dass Schulz aber Jünger gleich eingemeinden will, ihn unter politisch korrekte Vorzeichen setzt und zum „Linken“ stilisiert, ist dann doch des Guten zu viel. Wenn Jünger auch im hohen Alter vom „Arbeiter“ sprach, meinte er keine Gewerkschaftsmitglieder. Wenn er mitteilte, die Politik jeglicher Parteifarbe sei ihm zuwider, galt das für Schwarz und Rot. Und bei allem Unterschied des „Stahlgewitters“ zu „Siebzig verweht“ – auf eine politische Läuterungsformel wird man Jüngers intellektuelle Entwicklung nicht so einfach bringen können.

          „Ich möchte nicht zu jenen Zahllosen gehören, die heute nicht mehr an das erinnert werden wollen, was sie gestern gewesen sind“, war einer von Jüngers Leitsprüchen. Die „Häutungen“, die er auch mit selbstkritischem Blick auf seine Rolle während der Anfangsjahre der Nazis vollzog, waren eben „Häutungen“, Metamorphosen, aber keine Konversionen. Jünger behielt auch im Alter seine Skepsis gegenüber dem linken Illusionismus und der Demokratie als Herrschaftsform bei.

          Wenn Martin Schulz nun versucht, ihn postum auf die richtige Seite zu ziehen und zum verkappten Genossen zu machen, dann tut er das womöglich auch weniger als Kenner seines Werks, sondern aus einem biographisch motivierten Interesse am Ersten Weltkrieg heraus, das er mit der Person Ernst Jünger nur notdürftig camoufliert. Wahrscheinlich geht es Schulz gar nicht um Jünger, sondern nur um die Möglichkeit, wieder über das zu sprechen, was ihn schon lange umtreibt: der Erste Weltkrieg, dessen Schrecken und Verlauf er mit einer fast schon manischen Genauigkeit rekonstruiert hat.

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          Schulz, der als junger Mann in den Gasthöfen rund um Verdun alte Franzosen und Französinnen nach ihren Erinnerungen fragte, der immer wieder auf den Ersten Weltkrieg Bezug nahm, um seine Europa-Idee zu rechtfertigen, nutzt hier den „Soldatenschriftsteller“ Ernst Jünger gewissermaßen als Cliffhanger, um aufs eigentliche Thema zu kommen und die Spannung zu erhöhen. Dass ihm der Bezug auf Jünger auch bei jener Wählerschaft Sympathien einbringen könnte, die nicht zur Stammklientel seiner Partei gehört, ist ein angenehmer, aber durchschaubarer Nebeneffekt.

          Man will Jünger jedenfalls unwillkürlich vor seinen falschen Freunden beschützen. Bevor ihr Genossen euch Ernst Jünger, und sei es nur den späten, ganz zu eigen macht, verachtet ihn lieber doch noch ein bisschen.

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