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Leipziger Buchmesse 2016 : Worin unterscheidet sich der Freie von dem Knecht?

Besucher in Ruhe und Bewegung: Impression aus den Messehallen Bild: dpa

Die Leipziger Buchmesse setzt ein Zeichen in der Flüchtlingsdebatte. Das ist von aufgeklärten Buchmenschen nicht anders zu erwarten. Es wird aber auch deutlich, wie komplex die Lage ist.

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          „Liebe für alle, Hass für keinen“ steht es auf dem T-Shirt des jungen Mannes, der auf der Leipziger Buchmesse durch Halle 5 läuft. Dass der „Muslim für den Frieden“, so die andere Seite des T-Shirts, mit dieser Botschaft noch einen langen Weg vor sich hat, beschrieb am Abend zuvor der Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung bei der Eröffnungsveranstaltung der Messe, als er im Gewandhaus drei Tage nach dem Wahlerfolg der Afd über die Aggressionen sprach, die hierzulande Flüchtlingen entgegen schlügen – das sei nicht nur „Ressentiment, sondern Rassismus und blanker Hass“. Die versammelte Buchbranche klatschte begeistert.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Leiser war der Beifall, als der Historiker Heinrich August Winkler in seiner Dankesrede für den „Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung“ an Max Weber und den Unterschied zwischen Verantwortungs- und Gesinnungsethik erinnerte: Eine „humanitäre Asylpolitik, die nachhaltig sein will“, müsse die „Grenzen der Aufnahme- und Integrationsfähigkeit“ des Landes beachten und dürfe den „politischen Rückhalt in der Bevölkerung“ nicht verlieren. Was aber, könnte der Gesinnungsethiker zurückfragen, geschieht mit den Flüchtlingen an der mazedonischen Grenze, wenn die Kapazität erschöpft und der Rückhalt, verloren ist?

          „Die Flüchtlinge“, sagte die Schriftstellerin Luna Al-Mousri auf einer Leipziger Lesung, „kommen sowieso. Wenn wir eine Mauer bauen, buddeln sie einen Tunnel.“ Al-Mousri, die vierzehn war, als ihre Familie Syrien verließ, trat an diesem Abend gemeinsam mit Pierre Jarawan, dessen Vater aus dem Libanon stammt, und Shida Bazyar auf, deren Eltern aus dem Iran flohen. Alle drei hatten hervorragende Bücher im Gepäck, die erzählten, welch wichtigen Hintergrund die Kultur des Herkunftslandes darstellt, und wie mühsam es dennoch für die in Deutschland heranwachsende Generation sein kann, diese Herkunft zu rekonstruieren. Und einer Integration oft keine bewusste Entscheidung vorausgeht – „es war einfach so“, sagt Jarawan, der im Jahr 2012 den deutschen Poetry-Slam-Wettbewerb gewann, und von dessen Fladenbrot auf dem Schulhof von Kirchheim unter Teck „immer alle probieren wollten“.

          Stimme der Verantwortungsethik: der Historiker Heinrich August Winkler (rechts)
          Stimme der Verantwortungsethik: der Historiker Heinrich August Winkler (rechts) : Bild: dpa

          Die Hoffnung, die in Leipzig versammelte Buchbranche könne Einfluss gegen, wie Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich sagte, „Radikalisierung und Rassismus“ ausüben, wurde auf der Messe oft beschworen. Das klang wohlfeil, wenn der Appell an diejenigen ging, die man garantiert nicht dazu aufrufen musste. Wer glaubt, es gebe ein Kartell, das abweichende Meinungen unterdrückt, der lässt sich wahrscheinlich kaum davon beeindrucken, wenn im Gewandhaus gut gekleidete Buchmenschen Plakate mit „für das Wort und die Freiheit“ in die Kameras halten.

          Doch es gibt keinen Grund zu Fatalismus. Nicht erst seit der aktuellen Flüchtlingskrise kann man in der deutschen Kinder- und Jugendliteratur beobachten, dass dort Migration und die Folgen viel Raum einnehmen. Viele Bücher greifen auf ein simples Muster zurück, wie es etwa Janne Tellers 2011 erschienenem Buch „Krieg“ zugrunde liegt: Indem aus der Perspektive eines jungen Flüchtlings erzählt wird, entwickelt der Leser Empathie, er kann die Migrationserfahrung nachvollziehen und verstehen, welche Verluste von Heimat, Freunden und Geborgenheit damit verbunden sind. Natürlich werden solche Bücher gebraucht – schließlich sind es in Deutschland vor allem die Kinder, die jetzt in Schulen und Kitas mit Flüchtlingen zu tun haben, anders als ihre Eltern.

          Ein Beispiel ist die Rezeption von Kirsten Boies Buch „Bestimmt wird alles gut“. Es schildert die Flucht von Syrern über Ägypten nach Deutschland, angelehnt an das tatsächliche Schicksal einer Familie, die Boie in einer Flüchtlingsunterkunft kennen lernte. Erst im vergangenen Sommer entschied sich Monika Osberghaus, in deren Verlag Klett Kinderbuch das Werk Ende Januar erschien, dem Band eine arabische Übersetzung beizugeben. Flüchtlinge aus dem Nahen Osten können so ihre eigene Geschichte mit der im Buch dargestellten abgleichen, und mit deutschen Kindern über ihre Fluchterfahrungen sprechen. Osberghaus, die vor sieben Wochen neuntausend Exemplare der Erstausgabe auf den Markt brachte, muss ständig nachdrucken: Aktuell sind knapp sechzigtausend Exemplare ausgeliefert, was für einen zweistelligen Verkaufsrang bei Amazon reicht.

          Was ist recht? Was kommt danach?

          In Leipzig liest Boie in einer Grundschule. Auch eine sogenannte Willkommensklasse, in die junge Flüchtlinge gesammelt werden, bevor man sie auf die übrigen verteilt, ist da. „Wer spricht arabisch?“ fragt Mahmoud Hassanein, der das Buch übersetzt hat. Zehn Arme gehen hoch. Boie liest ihren Text auf deutsch, er auf Arabisch. Was die Kinder mitnehmen würden, wenn sie plötzlich das Land verlassen müssten, fragt Boie die deutschen Kinder, und die wollen später wissen, ob die Familie aus dem engen Container ausziehen durfte, ob die Flucht „sehr stressig war“. Sie atmen hörbar auf, als sie erfahren, dass andere Familienmitglieder, die zunächst noch in Syrien geblieben waren, nachgekommen sind. Mag sein, dass ihre Eltern anders darüber denken.

          Den Jugendlichen, die in diversen, deutschen Leseklubs ihre Titel für den Deutschen Jugendliteraturpreis gekürt haben und sie auf der Messe präsentieren, scheint das Thema Migration unter den Nägeln zu brennen: Die Hälfte der nominierten Bücher haben mit Flucht, Vertreibung oder daraus resultierenden ethnischen Spannungen zu tun. Keines ergreift blind Partei, alle stellen dar, was ist oder war, aus der Perspektive derer, die an den Folgen politischer Entscheidungen zu tragen haben, die anderswo fielen.

          Ein halbes Jahrhundert vor Max Weber brachte Theodor Storm das Spannungsverhältnis zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik in einen Vierzeiler: „Der eine fragt: Was kommt danach? / Der andre fragt nur: Ist es recht? / Und also unterschiedet sich / Der Freie von dem Knecht.“ Dass sich die Stormforschung seither fragt, wie der Vers gemeint ist, wer in Storms Augen der Freie und wer Knecht, zeigt nur, wie komplex die Frage ist.

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