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Buchfeststimmung in Leipzig : Mehr als Messereste

Da herreschte Andrnag: das Publikum auf der Pop-up-Buchmesse im Leipziger „Werk 2“, die im vergangenen März anstelle der „echten“ Buchmesse stattfand. Bild: dpa

Beste Stimmung, wenn auch nur für ein Fünfzigstel der sonst üblichen Besucher: Leipzig gelingt trotz der Absage der Buchmesse ein veritables Literaturfest.

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          Zum Messebesuch bringt man im Regelfall keine Geschenke mit. In Leipzig diesmal schon. Vor dem Haus des Klett Kinderbuchverlags sammeln sich am Samstagmittag Neugierige, darunter einer mit Blumengaben, denn hier ist man zum „Buch­besuch“ geladen. Den bieten neun in der Stadt ansässige Verlag an, und die Resonanz darauf ist prächtig. Monika Osberghaus, die Chefin von Klett Kinderbuch, hat gleich nach der Öffnung der Türen nicht nur eine schöne Zierpflanze mehr, sondern auch ein volles Haus. Schon fast zu voll für die vorsichtige Verlegerin, die sich an­sonsten vom Trubel rund um die ausgefallene Buchmesse fernhielt.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Keine Buchmesse, aber Trubel? In Leipzig schon: dreihundert Lesungen in vier Tagen, etliche Spontan­aktionen von Verlagen, Kulturveranstaltern und Buchhandlungen sowie gleich drei Spezialbuchmessen im Kleinformat, nämlich die schon länger etablierte Independent Publishers Fair in der Hochschule für Grafik und Buchkunst mit diesmal achtzig Ausstellern, das erstmals ausgerichtete Leipzig Photobook Festival im Grassimuseum für angewandte Kunst mit zwanzig und vor allem die erst nach der Absage der großen Buchmesse privat ins Leben gerufene „Pop-up“, auf der immerhin sechzig unabhängige Literaturverlage ihr Angebot präsentierten. Darunter waren Publikumsmagneten wie Suhrkamp, Matthes & Seitz, Klett-Cotta, Hanser, Kampa oder C. H. Beck. Entsprechend entwickelte sich die Pop-up-Buchmesse zur Attraktion: ausverkauft über alle drei Tage hinweg und nach übereinstimmender Auskunft der Aussteller so­wohl ein kommunikativer als auch ein kommerzieller Erfolg. Buchverkauf an den Ständen war allgemein gestattet, aber Suhrkamp zum Beispiel hatte dieses Recht einer lokalen Buchhandlung übertragen. Der herrschende Geist in der hohen Halle des Veranstaltungsortes „Werk 2“ war einer von gegenseitiger Hilfe – auch sichtbar in den prallgefüllten Büchertüten der Besucher am Ausgang.

          Erinnerung an die Innenstadt-Buchmessen der Vergangenheit

          Natürlich reden wir bei alldem vielleicht von einem Fünfzigstel jener Menschenzahl, die normalerweise zur hiesigen Buchmesse ge­kommen wäre, aber das, wofür Leipzig als Messestandort im Vergleich zu Frankfurt steht – Gespräch, Lockerheit, Nähe –, wurde einmal mehr gestärkt. Nähe diesmal auch insofern, als dass alle Veranstaltungsorte innenstadtnahe lagen – man fühlte sich an die traditionellen Buchmessen direkt am Marktplatz erinnert, wie sie bis 1997 stattgefunden haben. Einer der Teilnehmer am „Buchbesuch“, Mark Lehmstedt, hatte für seine Verlagspräsentation sogar programmatisch ein Lokal in Barthels Hof, dem letzten erhaltenen barocken Messehaus Leipzigs, angemietet. Auch das platzte aus allen Nähten. Und das Literaturhaus der Stadt, das sein übliches Lesungsprogramm zu Messezeiten diesmal mehr als verdoppelte, wurde zu einem Begegnungs-Hotspot während der vier messelosen, aber buchreichen Tage.

          Im Grassimuseum wurde jungen Fotografen am gestrigen Sonntag ein „Portfolio Review“ angeboten: Ein Dutzend Experten begutachtete ihre Arbeiten und gab Publikationshinweise. Die Tische waren umlagert, und so wurde eine weitere klassische Messeaufgabe erfüllt. Die Manga Comic Convention, der größte Anziehungsfaktor für junge Leser auf der Leipziger Buchmesse, fiel dagegen weitgehend ersatzlos aus. Nur der kleine ambitionierte JaJa Verlag aus Berlin hielt mit einer eigenen Präsentation in der Stadt die Fahne der Comics hoch.

          Nahezu überall dabei – an den alternativen Messestandorten, bei den Preisverleihungen und auf den Lesungen – war Oliver Zille, der Direktor der Leipziger Buchmesse. Die gute Stimmung unter denen, die den Weg hierher doch noch angetreten hatten, sah er mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Denn auch wenn die Veranstalter der Pop-up-Buchmesse versichern, dass es sich um eine einmalige Aktion gehandelt habe, könnten im kommenden Jahr Nachahmer des Erfolgsrezepts auf den Plan treten und sich an einem ähnlich ambitionierten An­gebot inmitten der Stadt versuchen. Gut, dass die Buchmesse be­reits jetzt finanzielle Zusagen von Stadt, Land und Bund für ihre nächstjährige Ausgabe er­halten hat. Und auch die Ver­lage ihre Teilnahme schon zusicherten. Aber all das galt ja auch für dieses Jahr. Was weiterhin niemand voraus­sagen kann, ist die Corona-Entwicklung. Wessen man dagegen ziemlich sicher ­sein darf, ist der Einfallsreichtum des unabhängigen Verlagswesens und der Leipziger Büchermenschen.

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