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Reihe „Mein Fenster zur Welt“ : Ich habe keine Angst, weil mir all das sehr unwirklich erscheint

  • -Aktualisiert am

Leïla Slimani Bild: AFP

Die blaue Zeder, die Hügel der Normandie, ohne Spaziergänger und Schafe: Es ist, als hätte ein Fluch diese Welt zum Stillstand gebracht. Wie wird sie nachher aussehen? Ein Gastbeitrag.

          3 Min.

          Von meinem Fenster aus schaue ich auf meine große blaue Zeder, die ihre Zweige in die kalte Morgenröte streckt. Ich sehe die vergilbte Zypresse, die nicht aufhört zu sterben. Als stilles Opfer des Klimawandels hat sie Hitzewellen und Regenstürme ertragen müssen. Draußen singen die Vögel, unser Leben ist ihnen gleichgültig. Die Narzissen blühen, und auf der Wand gegenüber erscheinen die ersten Kamelien-Knospen.

          Diese Aussicht ist die meines Arbeitszimmers in dem Haus, das ich mir vor einigen Jahren in der Normandie gekauft habe. Damals suchte ich nach einem Ort zum Schreiben, nach einem ruhigen Haus, in dem ich mich meinen Romanen widmen könnte. Ich suchte nach einem Ort für meine Kinder, meine Familie, für mich, die ich mich oft nach meiner Kindheit zurücksehne. Ich denke an Marguerite Duras, die in „La vie materielle“ schrieb: „Das Haus ist für die Kinder und den Mann gemacht, um sie an einem Ort zu festigen, der ihnen entspricht, um sie daran zu hindern, sich zu verlieren, um sie von ihrer Abenteuerlust abzulenken.“

          Diese Aussicht ist auch jene, die ich mit der Arbeit verbinde. Ich habe tausendmal auf diese blaue Zeder geschaut, während ich „Dann schlaf auch du“ schrieb. Ich habe stundenlang in die Ferne, auf die Hügel der Normandie gestarrt, während ich mir das Meknès der fünfziger Jahre für meinen neuen Roman „Das Leben der Anderen“ vorstellte. Ich habe mich oft hier eingesperrt, allein. Ich kaufte genug ein, um eine Woche lang überleben zu können, und verließ das Haus nicht mehr. Ich streifte im Schlafanzug herum, ungekämmt, redete allein. Ich wollte einen Zustand der Verwahrlosung, des Quasi-Wahnsinns erreichen, der für das Schreiben sehr fruchtbar ist.

          Das häusliche Wohnen wieder erlernen

          Auch heute bin ich hier eingesperrt, nur bin ich nicht allein. Es geht auch nicht darum, einen Roman zu schreiben. Seit drei Tagen lebe ich hier mit meinem Mann und unseren beiden Kindern. Auf der Straße fahren keine Autos mehr vorbei, Familien auf Wandertour bleiben aus. Selbst die Schafherde, die sonst über den Hügel läuft, ist verschwunden. Jeder von uns hat ein Attest auf ein weißes Blatt Papier geschrieben bekommen mit unserem Namen, unserer Adresse und dem Grund, weshalb wir draußen sind. Es kommt mir vor, als würden wir in einem Märchen leben, als seien wir die Opfer eines Fluchs. Eine böse Hexe – oder ein freundlicher Magier, wer weiß? – hat die Welt zum Stillstand gebracht. Die Natur rächt sich. Der Wahnsinn, dem wir alle verfallen waren, wurde endlich unterbrochen. Plötzlich wurden wir zum Hausarrest gezwungen, in dieser Welt, die auf Konsum, Produktion, Mobilität und Hypersozialität basiert. Wir sind gezwungen, uns in Geduld und Bescheidenheit zu üben.

          Vor einigen Jahren hat sich Leïla Slimani ein Haus in der Normandie gekauft, um sich dort ihren Romanen widmen zu können.

          Ich denke, dass diese so schöne, so ruhige Aussicht auf die Natur und die Blumen für einen Monat mein einziger Blick auf die Welt sein wird. Ich, die ich die letzten drei Jahre damit verbracht habe, für meine Bücher durch die Welt zu reisen, die ich manchmal in einem Hotelzimmer aufwachte und nicht einmal mehr wusste, in welchem Land ich bin und welche Sprache man dort spricht, bin plötzlich dazu gezwungen, das häusliche Wohnen wieder zu erlernen.

          Und doch schreibe ich

          Ich wollte immer schnell sein. Ich träumte von einem vollen, intensiven Leben, ich wollte alles machen, alles sehen. Normalerweise verbringe ich meine Tage damit, To-do-Listen und Zeitungsartikel zu schreiben, ich verbringe sie mit den Büchern, die ich lesen, und den Filmen, die ich sehen will. Ich buche meine Flugtickets sechs Monate im Voraus, ich träume jetzt schon von den Reisen, die ich später, wenn meine Kinder aus dem Haus sind, machen werde. Die Wahrheit ist, dass ich immer müde bin. Dass ich nie einschlafe, ohne vorher meine Ängste aufgezählt zu haben, ohne zu urteilen, dass ich nicht genug getan habe, dass ich Zeit verliere.

          Aber jetzt schaue ich schon seit einer Stunde auf die blaue Zeder. Ich würde gerne lernen, mich dem Leben hinzugeben, ich würde gerne den „unbesiegbaren Sommer“ in mir finden, von dem Camus einst schrieb. Tatsächlich habe ich keine Angst vor der Krise. Ich habe keine Angst, weil mir all das sehr unwirklich erscheint. Es ist ein Spiel oder ein Traum, es ist ein Test, dem wir unterzogen werden und der bald endet. Hat ein Hollywood-Autor die Kontrolle über unser Leben übernommen? Ich habe keine Angst, weil ich weiß, dass es vorbeigehen wird und wir wieder hinausgehen und uns berühren werden können. Ich frage mich, was schlimmer wäre: dass das Leben weitergeht wie zuvor oder nichts mehr ist, wie es einmal war. Ich frage mich unentwegt, wer von dieser Krise profitieren wird, wer unsere Angst vor den anderen zu nutzen wissen wird. Wer wird sich als Erster zu sagen trauen: Es geht uns doch gut, so unter uns, oder? Hatten wir euch nicht gesagt, dass dieses andauernde Vermischen schlecht ausgehen würde?

          Aussicht aus dem Arbeitszimmer in Leïla Slimanis Haus in der Normandie

          Manchmal denke ich, man müsste nichts anderes tun als leben. Einfach nur leben. Wäsche aufhängen, meinen Kindern Unterricht geben, ihnen zum hundertsten Mal die Geschichte des kleinen Bären und seines roten Balls vorlesen, kochen, im Gras sitzen und die Bäume anschauen. Man müsste der Stille lauschen, an jene denken, die nicht genug haben, um zu leben und diese Situation zu ertragen. Man müsste nicht schreiben, denn die Realität ist zu groß, zu enorm, zu gegenwärtig. Sie zerfrisst uns von innen, man fühlt sich ihr gegenüber ein bisschen lächerlich mit seinen dummen, hilflosen Worten. Und doch schreibe ich, weil ich nichts anderes kann. Weil es das Einzige ist, was mir hilft, weiter zu atmen, zu überleben, das Einzige, was mir die Kraft gibt, zu lieben, und mich daran hindert, verrückt zu werden.

          Aus dem Französischen von Annabelle Hirsch.

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