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Reihe „Mein Fenster zur Welt“ : Mailand – Ein Zeitalter geht hier zu Ende

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Sie sind zugleich bedrohlich und bedroht: Wartende vor einem Supermarkt in Mailand. Bild: dpa

Gestern hatten sie den kleinen Laden singhalesischer Einwanderer noch links liegenlassen, jetzt stehen sie vor seinen kahlen Schaufenstern für Brot an: Über den Mut der Italiener und den Weg in ein noch ungewisses Leben.

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          „Wie kann ich meine Frau davon überzeugen, dass ich, während ich aus dem Fenster schaue, arbeite?“ – fragte sich Joseph Conrad zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Ich hingegen frage mich: Wie kann ich meiner Tochter erklären, dass ich, während ich aus dem Fenster schaue, das Ende einer Epoche sehe? Die Epoche, in die sie hineingeboren wurde, aber von der sie nicht wissen wird, dass es das Zeitalter der längsten und selbstvergessensten Phase des Friedens und des Wohlstands war, die die Geschichte der Menschheit jemals erlebt hat.

          Ich lebe in Mailand, bis gestern die am weitesten entwickelte und strahlendste Stadt Italiens, eine der attraktivsten Städte der Welt. Die Stadt der Mode, des Designs, der Expo. Die Stadt des Aperitivos, die der Welt den Negroni sbagliato und die Happy Hour beschert hat und die heute die Welthauptstadt von Covid-19 ist und die Hauptstadt einer Region, die allein 30.000 Infizierte zählt und 3000 Tote zu beklagen hat.

          Die Sterblichkeitsrate liegt bei zehn Prozent, vor den Krankenhauseingängen stapeln sich die Särge. Es ist eine dampfende Pest, die über den Türmen des Doms schwebt wie über den verfluchten Städten antiker griechischer Tragödien. Die Sirenen der Krankenwagen sind der Soundtrack unserer Tage geworden; unsere Nächte werden von erwachsenen Männern gestört, die im Schlaf jammern: „Was ist los, geht es Dir nicht gut?“ – „Nichts, es ist nichts, schlaf wieder ein.“ Tausende ihrer Freunde, Verwandten, Bekannten husten, bis sie in den Betten ihrer von berühmten Architekten eingerichteten Einzimmerwohnungen Blut spucken; allein, außerhalb jeder Statistik und ohne jede Hilfe.

          Wenn ich in diesem Augenblick aus dem Fenster schaue, sehe ich einen einfachen Lebensmittelladen, der mit bewundernswertem Fleiß von singhalesischen Einwanderern betrieben wird. Bis gestern war er die einzige Anomalie und unharmonische Note in diesem nicht ganz zentral gelegenen, auf eigene Art eleganten Viertel. Heute ist der Laden ein Wallfahrtsort. Ich sehe Männer und Frauen, die ihn gestern noch links liegengelassen haben, weil es dort nicht ihre Lieblingskleie zu kaufen gibt, und die jetzt vor seinen kahlen Schaufenstern für Brot anstehen. Sie halten, gestützt auf der Disziplin des tiefen Kummers, einen Meter Abstand voneinander, sie sind zugleich bedrohlich und bedroht, mit ihren behelfsmäßigen Masken aus Stofffetzen, die bis gestern noch die exotischen Pflanzen auf ihren Dachgärten geschützt haben; ausgefranste Gaze, die mit der schlaffen Melancholie des letzten Überbleibsels eines zu Ende gegangenen Zeitalters von ihren Gesichtern herabhängt.

          Der Laden auf der anderen Straßenseite
          Der Laden auf der anderen Straßenseite : Bild: Antonio Scurati

          Ich sehe diese traurigen Männer und Frauen, die sich selbst nicht gerecht werden. Ich sehe sie mir an. Ich habe nicht die Absicht, sie abzuwerten oder zu verspotten. Es sind erwachsene Männer und Frauen und doch sieht man über den Masken den bestürzten Blick vernachlässigter Kinder. Sie sind völlig unvorbereitet zu dem Treffen mit ihrer eigenen Geschichte gekommen; und genau deshalb sind sie mutige Männer und Frauen. Sie gehörten zum wohlhabendsten, geschütztesten, langlebigsten, am besten gekleideten, ernährten und gepflegtesten Stück Menschheit, das je auf der Erde gewandelt ist; und jetzt, da sie in ihren Fünfzigern sind, stehen sie Schlange für Brot.

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