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Wenn Computer schreiben : Künstliche Literatur

Visionär: Jorge Luis Borges im Jahr 1983 in Buenos Aires Bild: Picture-Alliance

Rein maschinell verfasste Lyrik ist schon für menschliche Literatur gehalten worden: Das künstliche Schreiben greift um sich. Ein Romancier beruft sich auf Borges – und will doch sein Buch beworben wissen.

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          Warum schreiben wir noch? Der Computer könnte es doch viel besser. Vielleicht nicht beim ersten Versuch, vielleicht erst bei jenem 25-hoch-1.312.000.-Mal, das als die Zahl jener Bücher errechnet wurde, die zu schreiben wären, wenn die von Jorge Luis Borges imaginierte Bibliothek von Babel Wirklichkeit werden soll, in der lauter 410 Seiten lange Bücher mit vierzig Zeilen à achtzig Anschläge pro Seite stehen, die alle möglichen Kombinationen von 25 orthographischen Zeichen (ohne Großschreibung, Zahlen oder Satzzeichen) umfassen sollen.

          Dadurch wäre – wenn auch in eigenwilliger Schreibweise – jedes jemals geschriebene oder noch zu schreibende Buch Teil der Bibliothek. 410 Seiten, mögen Sie jetzt denken, hieße das nicht adieu „Moby-Dick“, „Suche nach der verlorenen Zeit“ oder „Ulysses“? O nein, denn diese Titel wären ja in jeweils 410 Seiten langen Teillieferungen vorhanden, die dann nur noch zusammengestellt werden müssten, wobei zu beachten wäre, dass gegebenenfalls im Abschlussband auf das letzte Wort des bekannten Textes noch überzähliges Material folgt – bis die 410 Seiten eben voll sind. Man sieht, dass diese Bibliothek anspruchsvoll zu benutzen wäre, ganz abgesehen davon, dass es nicht genug Materie im Universum gibt, um sie zu drucken, wie uns der junge amerikanische Schriftsteller Tony Tulathimutte (ein Name, der eigentlich nur aus der Bibliothek von Babel stammen kann) in der jüngsten Ausgabe der Literaturzeitschrift „The Believer“ erklärt.

          Bei Comics wird es schwierig

          Tulathimutte zieht die Erzählung von Borges heran, um seine „Vorschläge zum Ende des Schreibens“ zu unterfüttern, in denen er die technischen Möglichkeiten einer allumfassenden Ablösung menschlichen durch mechanisches Schreiben als durchaus plausibel ansieht. Schon jetzt werde weitaus mehr Text selbständig von Rechnern verfasst als von Menschen: computergenerierte Werbemails ebenso wie Steuerbefehle (hinter jeder individuellen Operation am Rechner verbirgt sich ein weitaus größerer Textblock, den nur niemand liest). Und es ist ja auch bereits möglich, vorhandene Texte automatisch redigieren zu lassen, so etwa von www.hemingwayapp.com das eigene Schreiben in den Stil von Ernest Hemingway umwandeln zu lassen. Von Computern verfasste Gedichte, so Tulathimutte, haben bereits den Turing-Test bestanden. Wir können also berechtigt nicht nur von künstlicher Intelligenz (KI), sondern auch von künstlicher Literatur (KL) sprechen.

          Was aber ist mit anderen erzählerischen Genres, etwa Comics? Da wird es schwieriger für den Computer, wenn auch Max Goldt erst kürzlich mit seinem Buch „Räusper“ bewiesen hat, wie gut sich Comicszenarien lesen, die in Dramentexte überführt werden. Da „Räusper“ weniger als 410 Seiten umfasst, wäre sein Inhalt in der Bibliothek von Babel enthalten, so wie auch alle anderen transkribierten Comics, etwa René Goscinnys Szenarios zu „Asterix“ oder Filmdrehbücher. Die müssten dann eben Menschen so lange noch zeichnen oder verfilmen, bis Computer auch das können. Tulathimutte dürfte nicht daran zweifeln, dass es so weit kommt. Allerdings steht am Ende seines Aufsatzes ein Hinweis: „Tony Tulathimuttes Roman ,Private Citizens‘ erscheint in dieser Woche.“ Da wollte der Apologet des unmenschlichen Schreibens offenbar doch nicht selbst zurücktreten.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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