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Künstlerhaus Wiepersdorf : Dauerkrise eines deutschen Sehnsuchtsorts

Eine Idee, ein Segen, ein schöpferisches Exil: Schloss Wiepersdorf in Brandenburg Bild: ddp Images

Im Konflikt zwischen Kunst und Etat ist der Sieger leicht zu ahnen. Aber so einfach liegen die Dinge hier nicht: Das Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf macht Ende Juli zu und sucht einen neuen Betreiber.

          Vor Jahren forderten zahlreiche deutsche Schriftsteller das relevante politische Personal dazu auf, sich „für das bedrohte Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf in Brandenburg“ einzusetzen. Das Haus sei in Gefahr, weil sich sein Träger „in Liquidation befindet“. Das war am 5.April 2004, nachzulesen in dieser Zeitung, und die Liste der Unterzeichner enthielt Namen wie Christa Wolf, Martin Walser, Günter Grass, Sarah Kirsch, Günter Kunert und Volker Braun. Vielleicht war es eine der ganz wenigen Gelegenheiten, zu denen sich das Bewusstsein einer, sagen wir es hochtönend, gesamtdeutschen Literatur eingestellt hat.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Den Text, den die Autoren damals aufsetzten, könnte man heute gleich noch einmal drucken. Es gebe keinen Ort, schrieben sie, „der die deutsche Romantik so repräsentiert wie Schloss Wiepersdorf, der langjährige Wohnsitz von Bettina und Achim von Arnim“. Was also hat sich geändert? Nun ja, der heutige Träger, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, befindet sich zwar nicht in Liquidation, kann aber die Unterhaltskosten nicht mehr stemmen, was ungefähr auf dasselbe hinausläuft.

          Was dieser Betrieb ist, das zu erahnen fordert Phantasie

          Und deswegen ist die Situation für das emblematische Schloss der deutschen Romantik, vierzehn Jahre nach der damaligen Krise, eine ähnliche. Nur dass kein Aufschrei durch die deutsche Kulturlandschaft ging, als die Regionalzeitung „Märkische Allgemeine“ Ende April einen Artikel mit den Sätzen eröffnete: „Das traditionsreiche Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf schließt am 31.Juli 2018 seine Pforten. Niemand weiß, ob es seinen Betrieb je wieder aufnimmt.“

          Was dieser Betrieb ist, das zu erahnen fordert ein bisschen Phantasie. Da ist das Ensemble aus Schloss, Garten, Teich und Park, aus Orangerie und Skulpturen und stillen Wegen, in denen man, wenn man möchte, noch den Geist des Ehepaars Bettina und Achim von Arnim spürt. Ein Museum ist auch noch dabei, geöffnet samstags, sonn- und feiertags von 13 bis 16 Uhr, aber nur zwischen Februar und November. Das andere ist der Stipendienbetrieb, die Kunst-, Literatur- und Musikförderung, konkret also die Anwesenheit junger und nicht mehr ganz so junger Menschen, die für ein bis vier Monate in Wiepersdorf leben und arbeiten dürfen, fast so, als hätte jemand die Uhr zweihundert Jahre zurückgedreht.

          Ausgewählt werden die Nachwuchshoffnungen von verschiedenen Stellen, die meisten – rund zwanzig im Jahr – vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur (MWFK) des Landes Brandenburg. Ein paar auch von Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz und dem Saarland, wieder andere vom österreichischen Bundeskanzleramt oder von Stiftungen in Finnland, Indonesien oder Marokko. Dass diese Letzteren wirklich eine Vorstellung davon haben könnten, was Schloss Wiepersdorf ist, erscheint unwahrscheinlich. Aber es ist eine rührende Idee, finnische, indonesische oder marokkanische Künstler könnten etwas von der Aura des romantischen Ortes in ihre jeweiligen Heimatländer zurücktragen.

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