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Künstlerhaus Wiepersdorf : Dauerkrise eines deutschen Sehnsuchtsorts

Kein indiskretes Wort entschlüpft dem Diplomaten Baas über die brandenburgische Kulturpolitik. Was also soll man sich wünschen? Ein neuer Betreiber muss her, aber einer mit Sinn für die historische Bedeutung des Ortes, am besten auch mit einem Faible für Nachwuchskünstler, denn der Stipendienbetrieb wird viel Geld kosten. Man sollte, sagt Baas, das Dorf in die Planungen einbeziehen. Dass jemand kommen könnte, um das Schloss zu kommerzialisieren und „profitabel“ zu machen, ist unter den Stipendiaten allerdings die größte Befürchtung.

Aus einer Studie des Kulturministeriums geht hervor, wie viel Geld aus Landesmitteln das kosten könnte: mehr als 700000 Euro im Jahr. Darüber müsste erstmals im kommenden Herbst abgestimmt werden. Händeringend wird ein Betreiberkonzept gesucht, aber wen wird man anlocken können?

Was nur bedeutet, dass Eseleien denkbar sind

Großes Event-Remmidemmi kann man in Wiepersdorf nicht veranstalten, und Berlin ist dann doch zu weit weg, um abends auf einen Sprung zu einer Veranstaltung zu fahren. Auch die Nutzung der Räume ist eingeschränkt, hier steht jeder Quadratzentimeter unter Denkmalschutz. „Für die Art der Trägerschaft“, informiert die Potsdamer Presseabteilung mit spitzen Lippen, „sind unterschiedliche Formen denkbar, die derzeit geprüft werden.“ Wer genau dort prüft und mit welchen Kriterien, darüber verlautet nichts.

Dann, vor wenigen Tagen, heißt es in den Medien plötzlich, die „Rettung Wiepersdorfs“ sei „beschlossen“. Das ist, gelinde gesagt, Großsprecherei, vielleicht sogar eine Täuschung. Denn im brandenburgischen Haushalts- und Finanzausschuss ist nur über Wiepersdorf geredet worden. Aus dem Umfeld des Kulturministeriums ist zu hören, alle Parteien hätten sich für das Künstlerprogramm ausgesprochen, und das ist gewiss löblich.

Der Finanzausschuss-Vorsitzende Sven Petke (CDU) rauschte jedenfalls gleich nach Wiepersdorf, das zu seinem Wahlkreis gehört, um der „Märkischen Allgemeinen“ ein Interview zu geben. Als Schauplatz dafür wählte er den Schlossgarten. Eine Stipendiatin, die den Politiker dort antraf, war verblüfft: Petke, so stellte sich heraus, hatte nämlich durchaus nicht vorgehabt, die Künstler über die jüngste Entwicklung im Landtag zu informieren; er suchte nur nach einem Weg, die frohe Botschaft zu inszenieren. Was besonders peinlich ist, weil Petke, wie Kenner der Szene versichern, bisher nicht durch Wiepersdorf-Engagement aufgefallen ist.

So stochern sie im Problem herum, die einen mit mehr Geschick, andere mit weniger, und sicher ist nur, dass es bis heute, kurz vor der Schließung, keine Instanz gibt, die einem ein Minimum an Klarheit über das Konzept der erträumten Lösung geben könnte. Was nur bedeutet, dass auch Eseleien denkbar sind. Bis Ende 2019 wird der Laden wohl geschlossen bleiben. Es wäre wichtig, ihn im Auge zu behalten, gerade um der Künstler willen, deren Wohl angeblich allen am Herzen liegt.

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