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Künstlerhaus Wiepersdorf : Dauerkrise eines deutschen Sehnsuchtsorts

„Eine außergewöhnliche Erfahrung“

„Eine außergewöhnliche Erfahrung“ nennt es der Künstler Reinhard Krehl, der in einem der hellen, großen Ateliers an experimenteller Gartenkunst arbeitet. Das Nest Wiepersdorf mit seinen wenigen hundert Einwohnern hat keine Geschäfte. Zentrum des tobenden sozialen Lebens ist eine Kneipe, „Die alte Schmiede“, die nur freitags öffnet. Die Oldies aus dem Dorf, heißt es, freuen sich, wenn die Stipendiaten einlaufen. Die wiederum finden es nett, einmal die Woche ein gezapftes Bier zu trinken.

Natürlich geht die symbiotische Beziehung zwischen Schloss, Dorf und Region viel weiter. „Wenn ich in der Landschaft meine Kamera aufbaue“, sagt der Fotograf Sven Gatter, „begegnet man mir zunächst mit Skepsis; aber wenn ich sage, dass ich Stipendiat in Wiepersdorf bin, sind die Menschen aufgeschlossen.“ Der Ort sei identitätsstiftend in einer Gegend, „der vieles Identitätsstiftende abhandengekommen ist“.

Doch davon ist bei den Politikern nicht die Rede. Es wird überhaupt wenig kommuniziert. Was das betrifft, gebe es eine gewisse „Asymmetrie“, konzediert eine Stimme aus dem Umfeld des brandenburgischen Kulturministeriums. In der Tat kommt die drohende Abwicklung als reiner Verwaltungsakt daher.

Demnächst kommt sogar ein Saal dazu

Als sie ihren Stipendiengeber, das Land Rheinland-Pfalz, angerufen habe, berichtet die Künstlerin Rieke Köster, habe man dort von nichts gewusst. Von wem auch? Andere Stipendiaten nicken. Das Informationsvakuum breitet sich aus, und niemand rebelliert dagegen – wenn es nicht die Stipendiaten um ihrer Nachfolger willen tun. Von denen allerdings niemand weiß, ob und wann es sie überhaupt geben wird.

Einer der Leute mit der besten Ortskenntnis ist Norbert Baas, 71 Jahre alt, ehemaliger deutscher Botschafter in Jakarta und Vorsitzender des „Freundeskreises Schloss Wiepersdorf“. Seine Schwiegermutter, Clara von Arnim, war die Frau des letzten Eigentümers, eines Urenkels des Dichterpaares. Der Verein unterstützt die Arbeit des Künstlerhauses, gibt Bücher heraus, organisiert Konzerte und pflegt das Museum.

Demnächst kommt sogar ein Saal dazu, der auch die wichtige DDR-Geschichte dokumentiert. Wiepersdorf wurde nach 1945 nicht dem sozialistischen Bodenreformprogramm unterworfen, sondern fungierte als Schriftstellerheim, später als Erholungsoase für DDR-Kulturschaffende. Anna Seghers war hier, Peter Huchel, Günter Eich, auch Christa und Gerhard Wolf. In manchen Gedichten haben Landschaft und Künstlerhaus Spuren hinterlassen, etwa im „Wiepersdorf-Zyklus“ von Sarah Kirsch: „Dieser Abend, Bettina, es ist / Alles beim alten. Immer / Sind wir allein, wenn wir den Königen schreiben / Denen des Herzens und jenen / Des Staats ...“

Das Schloss kommerzialisieren und „profitabel“ machen

Wir sitzen im Atelier der Malerin Ulrike Seyboth im Berliner Thälmann-Park. Seyboth und ihr Mann Ingo Fröhlich, ebenfalls Künstler, waren im Februar und März als Stipendiaten in Wiepersdorf. Die Konzentration auf die Arbeit, die Gespräche mit Kollegen anderer Disziplinen, all das sei enorm inspirierend. Keine Frage, das müsse für kommende junge Künstler erhalten bleiben. Über die neue Entwicklung sind die beiden bestens im Bilde. Baas wiederum und sein Verein dürfen sich nicht zu sehr hineinhängen, man will beraten, keine Partei sein.

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