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Künstlerhaus Wiepersdorf : Dauerkrise eines deutschen Sehnsuchtsorts

Die Direktorin ist ohnehin schon im Ruhestand

Achtzig Kilometer südlich von Berlin: die Terrasse von Schloss Wiepersdorf an einem schönen Frühsommertag. Der alarmierte Artikel in der „Märkischen Allgemeinen“ liegt sieben Wochen zurück. Aber noch immer hat die Welt nicht ganz begriffen, was sich über dem Künstlerhaus zusammenbraut. Nur die Angestellten hier wissen es, denn ihnen wurde zum 31. Juli betriebsbedingt gekündigt. Roswitha Karbaum zum Beispiel wird demnächst, nach dreißig Jahren im Schloss, zum letzten Mal die Führung für Besucher machen, wie jeden ersten Sonntag im Monat um 14 Uhr.

Die Direktorin, Anne Frechen, ist ohnehin schon im Ruhestand und im Übrigen krankgeschrieben; eine junge Doktorandin mit befristetem Vertrag versieht ihren Dienst. Und für Frau Schallhammer, die seit 39 Jahren in Schloss Wiepersdorf kocht, ist in kaum anderthalb Monaten auch Schluss.

Die Lage ist vertrackt

Noch allerdings kocht sie, die freundliche Frau Schallhammer, genau wie ihre Kolleginnen, denn die fünfzehn Stipendiaten, die es noch gibt, gewissermaßen das letzte Wiepersdorfer Aufgebot, müssen etwas zu essen haben. Und so wird an diesem Tag auf der sonnenbeschienenen Terrasse gegessen und geredet und manchmal der unbekannten Künstler gedacht, die im August, September und Oktober eben nicht hier sitzen werden, weil Wiepersdorf bald dichtmacht.

Und dann bekräftigen die Stipendiaten, dass etwas geschehen müsse. In einem offenen Brief beklagen sie die „zögerliche und intransparente Haltung“ der Landespolitik und das Fehlen eines Konzepts für die Zukunft des Künstlerhauses, außerdem, dass Künstler an den Überlegungen bisher nicht beteiligt werden. Kommende Woche gibt es dazu im Berliner Brecht-Haus eine Protestveranstaltung und einen Appell, etwas zu unternehmen. Aber gegen wen?

Die Lage ist vertrackt, denn die Institution, die die Schließung beschlossen hat, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD), ist zwar Trägerin des Künstlerhauses Schloss Wiepersdorf, aber sie pflegt und erhält die Einrichtung seit 2005 auf der Grundlage eines Treuhandvertrags mit dem Land Brandenburg.

Es war die Chronik eines angekündigten Todes

Als finanzielle Grundlage erhielt die DSD den sogenannten „Land Brandenburg Fonds“, aus dessen Erträgen das Denkmalensemble erhalten und die kulturelle Nutzung des Hauses ermöglicht werden sollten. Während der ersten drei Jahre, so Steffen Skudelny, der geschäftsführende Vorstand, erhielt die Stiftung außerdem 450000 Euro jährlich als „Anschubfinanzierung für den Stipendiatenbetrieb“.

Doch die Finanzkrise hat die Zinseinnahmen aus dem Fonds halbiert, bei der DSD sah man das Problem schon vor Jahren am Horizont und konnte nur hilflos zuschauen, wie es größer wurde. Und das, sagt Skudelny, gehe nun einmal nicht: „Satzungsgemäß dürfen wir einen dauerhaft verlustigen Geschäftsbetrieb nicht subventionieren.“ Es war die Chronik eines angekündigten Todes.

Nicht dass die DSD über die Jahre untätig gewesen wäre. Aber sie verkauft Rückzug und Schließung vor allem als Sanierungsmaßnahme: Das Dach muss repariert werden, die Böden sind durchgelaufen, die Wände brauchen einen Strich und so weiter. Doch was ist Wiepersdorf im Kern? Eine Idee, ein Segen, ein schöpferisches Exil für Menschen, die mit knappsten Summen rechnen.

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