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Peter Handke im Garten seines Hauses in der Nähe von Paris Bild: EPA

Kritik an Peter Handke : Immerhin kein Friedensnobelpreis

Die Auszeichnung für Peter Handke, der den Genozid in Bosnien leugnet, weckt auf dem Balkan besonders tiefe Emotionen: Wut, Trauer oder Spott herrschen bei Kroaten, Albanern und Bosniaken.

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          Emir Suljagić hatte bisher keine Zeit, Handke zu lesen. Er ist einer der wenigen Überlebenden des Massakers von Srebrenica, bei dem 1995 ungefähr 7000 bosnische Muslime von Truppen des bosnisch-serbischen Kriegsverbrechers Ratko Mladić erschossen wurden. Die Frage, ob er etwas von dem Werk des Dichters kenne, verneinte Suljagić am Freitag mit der Bemerkung, Überlebende oder Hinterbliebene wie er seien statt mit Lektüre damit beschäftigt gewesen, nach ihren Familien und Freunden zu suchen, die in Massengräbern liegen, deren Existenz Handke bestreite. Die sarkastische Reaktion Suljagićs wird all jene nicht überraschen, die wissen, dass Handke sich nach dem Massaker zu einem freundschaftlichen Beisammensein mit einem der beiden Haupttäter traf. Im Dezember 1996, als zwar noch längst nicht alle Opfer aus den Massengräbern geborgen waren, aber alle Welt von der bosnischen Tragödie wusste oder zumindest wissen konnte, traf sich Handke mit Radovan Karadžić, der den Überfall auf die vermeintliche „UN-Schutzzone“ befohlen hatte und damals bereits wegen Völkermords, Verbrechen gegen die Menschlichkeit sowie anderer Untaten vom Kriegsverbrechertribunal angeklagt war. Man trank Pflaumenschnaps, schenkte sich gegenseitig Bücher, plauderte, und es war wohl auch sonst ein feiner Tag. Inzwischen, das muss der Vollständigkeit halber gesagt werden, haben sich die Wege der beiden Männer getrennt. Handke ist Nobelpreisträger für Literatur, Karadžić zu lebenslanger Haft verurteilt. Sein damaliges Treffen begründete Handke später mit seinem Wunsch „nach einem höheren Maß an Wahrhaftigkeit“ – was immer das im Fall Srebrenica bedeuten soll.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Es versteht sich von selbst, dass die Entscheidung der Nobelpreisakademie für Handke auf dem Balkan besonders tiefe Emotionen weckt. Das Spektrum der Reaktionen lässt sich so zusammenfassen: Empörung, Wut, Trauer oder Spott bei Kroaten, Albanern, Bosniaken sowie liberalen Serben, Begeisterung und Bestätigung bei serbischen Nationalisten sowie den Kriegstreibern von gestern. Um Handkes Literatur geht es dabei allenfalls am Rande, aber das ist auch nicht zu erwarten angesichts der vielen zynischen und menschenverachtenden Aussagen, die der neue Nobelpreisträger für Literatur im Laufe der Jahrzehnte über den Zerfall Jugoslawiens gemacht und geschrieben hat. Mit Ausnahme seiner Behauptung, die Serben seien „noch größere Opfer als die Juden“ in der NS-Zeit gewesen, die wohl selbst Handke zu monströs erschien, weshalb er sie wieder zurücknahm, sind seine gesammelten Entgleisungen alle noch in alter Pracht zu lesen.

          In Belgrad feierten nationalistische Boulevardzeitungen die Nachrichten aus Schweden am Freitag denn auch auf ihren Titelseiten, als ob mit Handke auch das serbische Volk ausgezeichnet worden wäre. „Gerechtigkeit für Serbien, Nobelpreis für Handke“ lautete eine typische Überschrift. Ein „glänzender Schriftsteller“ und ein „aufopferungsvoller Freund unseres Volkes“ sei da ausgezeichnet worden, ließ sich ein serbischer Schriftsteller vernehmen. Das war der Basso continuo des serbischen Jubelkonzerts: Immer wieder war vom „serbischen Volk“ die Rede, dem Handke in schweren Zeiten beigestanden habe. Jene Serben, die nie etwas mit Milošević und seinem Regime zu schaffen haben wollten, ärgerten sich über die auch im Ausland zu hörende Behauptung, Handke habe sich für „die Serben“ eingesetzt. Dem hielten sie entgegen, der Dichter habe eben nicht „den Serben“ zur Seite gestanden, sondern nur dem kleptokratischen und mörderischen Regime seines Idols Slobodan Milošević. Für die eine Million Serben, die am 5. Oktober 2000 in Belgrad auf die Straßen gingen und Milošević stürzten, stehe Handke jedenfalls nicht. Die liberale Zeitung „Danas“ zitierte in diesem Sinne ausführlich aus der Stellungnahme des amerikanischen P.E.N.-Zentrums, das die Verleihung des Nobelpreises an einen Autor, „der Tätern des Völkermords öffentlich Beistand leistete“, scharf rügte und Unverständnis ausdrückte für die Ansicht, „dass ein Schriftsteller, der hartnäckig Kriegsverbrechen in Frage gestellt hat, es verdiene, für seinen ,sprachlichen Einfallsreichtum‘ gefeiert zu werden“.

          Der slowenische Schriftsteller Miha Mazzini erinnerte sich daran, wie er im kalten Winter des jugoslawischen Zerfalls stundenlang vor leeren Geschäften um das Nötigste anstand, um dann abends in der kalten Wohnung zu lesen, wie Handke die „Jugoslawen“ als beneidenswert beschrieb, da sie nicht in einer Konsumwelt lebten. Das habe er ihm persönlich übelgenommen, so Mazzini. Der Publizist Paul Lendvai, ein Holocaust-Überlebender ungarischer Abkunft mit wachem Gespür für ideologische Zynismen, der Handkes Serbien-Schwadronaden unlängst in einem umfassenden Essay seziert hat, flüchtete sich in die Feststellung, es hätte ja auch schlimmer kommen können: „Man muss froh sein, dass er nicht den Friedensnobelpreis bekommen hat.“

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