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Edward O. Wilsons Lebenswerk : Kribbeln, krabbeln, kooperieren

Alles fürs Nest: Edward O. Wilson mit vergrößerten Objekten seiner Forschung Bild: Getty

Vom Sozialleben der Ameisen zur Entschlüsselung der menschlichen Natur: Dass sich der Begriff „Biodiversität“ durchgesetzt hat, ist nicht zuletzt dem Biologen Edward O. Wilson zu verdanken. Jetzt wird er 90 Jahre alt.

          3 Min.

          Es ist eher ungewöhnlich für einen Biologen, ein Buch des Titels „Der Sinn des menschlichen Lebens“ vorzulegen. Aber Edward O. Wilson ist nun einmal ein Biologe, der seiner Disziplin Antworten auf Grundfragen zutraut. Denn sie ist es in seinen Augen, die uns zuletzt, wenn tragfähige Einsichten verlangt sind, ein richtiges Bild unserer selbst liefert. Weshalb sie auch zuständig ist, wenn es um die Fragen geht: „Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?“

          Helmut Mayer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Es sind die Fragen, einem Gemälde Paul Gauguins entlehnt, die Wilson seinem 2012 erschienenen Buch „Die soziale Eroberung der Erde“ vorangestellt hat. Sein Untertitel lautet „Eine biologische Geschichte des Menschen“, und er war Programm. Es galt, die auf biologischem Terrain vertrauten Erklärungen evolutionärer Prozesse möglichst weit in die Kulturgeschichte der Menschheit hinein zu verlängern. Die Ameisen spielen dabei, wie es sich beim Doyen der Erforschung sozialer Insekten und insbesondere der Ameisen fast von selbst versteht, eine wichtige Rolle. Denn sie wie wir haben den im Tierreich seltenen Übergang zu sozialen Lebensformen gefunden, weshalb sich an ihnen Mechanismen sozialer Koordination gleichsam aus der Außenperspektive betrachten lassen.

          Dieses Motiv spielte bei Wilson, der seine akademische Karriere in Harvard durchlief, zwar von Anfang an eine bestimmende Rolle: Es brachte ihn darauf, von den seit frühen Jahren hingebungsvoll studierten Ameisen, denen er großartige Monographien gewidmet hat, auszugreifen auf Betrachtungen, die uns als soziale Lebewesen einschließen. Seine Mitte der siebziger Jahre erschienene „Neue Synthese“ der „Soziobiologie“, der ein Traktat „Über die menschliche Natur“ folgte – dafür bekam er den ersten Pulitzer-Preis, ein zweiter folgte später für die gemeinsam mit seinem Würzburger Kollegen Bert Hölldobler verfasste Monographie „Ameisen“ – waren wichtige Schritte auf seinem Weg, populations- und evolutionsbiologische Erklärungen zu generalisieren.

          Ein Pionier der biologischen Forschung

          Aber erst viele Jahre später kam hinzu, was mittlerweile für Wilson entscheidend ist, nämlich Gruppenselektion als gegeben anzusehen, also das Wirken von Selektionskräften, die direkt – nicht als sekundäre Effekte der klassischen Individualselektion – Veränderungen der Fitness von Gruppen bewirken. In der Fachwelt gab es dafür herbe Kritik, aber Wilson ficht das nicht an. Dafür ist auch der Nutzen zu groß, den er aus der Annahme der Gruppenselektion für seine „biologische Geschichte“ der Menschheit zieht. Nichts weniger als die Entschlüsselung der menschlichen Natur soll mit ihr gelungen sein: die Individualselektion ist verantwortlich für alle fatalen Neigungen wie Eigensucht, Feigheit und Verrat, die Gruppenselektion für alle gut bewerteten Eigenschaften wie Ehre, Moral und Opfergeist.

          So einfach fallen sie aus, letzte Worte der Biologie. Tatsächlich einfacher als die Befunde und Einsichten, die andere Wissenschaften vom Menschen beibringen. Für sie hat Wilson zwar immer wieder einmal nette Worte gefunden, doch im Kern verficht er, sein Buch „Die Einheit des Wissens“ führte es vor, einen Primat der Biologie, die allenfalls noch, zumindest im Prinzip, auf die Gegenstände der Physik zu bringen sein soll. Man kann sich des Eindrucks oft nicht erwehren, dass das eine, kausal durchwirkte und evolutionär entfaltete Naturreich bei dem in Alabama baptistisch aufgewachsenen Wilson an die Stelle früher religiöser Erweckungserfahrungen getreten ist.

          Doch das hat ihn auch zu einem der eindrucksvollsten Mahner vor der drohenden Beschleunigung des Artensterbens und einer insgesamt gefährdeten organisch-genetischen Vielfalt gemacht: Nicht zuletzt ihm ist es zu verdanken, dass sich der Begriff und das Forschungsfeld „Biodiversität“ durchgesetzt haben. Die gesellschaftspolitischen Empfehlungen, die er sich zutraut, hat er sogar einmal in die Form eines „Ameisenromans“ gepackt. Kurz gefasst lauteten sie: Für eine Gesellschaft, die ihre Elite aus aufrechten Eagle Scouts rekrutierte – Wilson war ein begeisterter Pfadfinder – und die Einsichten (sozio-)biologischer Experten beherzigte, wären die Probleme der amerikanischen Gesellschaft jedenfalls lösbar. Mit einer Probe auf diese Ratschläge ist vermutlich nicht zu rechnen.

          Während die vor drei Jahren erhobene Forderung, die Hälfte der Erde zu Naturschutzgebieten zu machen, die durch ökologische Korridore miteinander verbunden sind, zwar kaum realistisch ausfiel, aber noch einmal eindrucksvoll Wilsons Eintreten für die natürliche Artenvielfalt vor Augen führte. Am Pfingstmontag wird Edward Osborne Wilson neunzig Jahre alt.

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