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Kranksein im Comic : Präparate bekommen Geschichten

Eine „Interventionsausstellung“ im Medizinhistorischen Museum der Berliner Charité stellt den Präparaten elf Krankheitsgeschichten von Lebenden entgegen. Und setzt ein neues Genre in die Welt.

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          Der Blickfang ist ein Gag. Hinter Rudolf Virchows Marmorbüste in der Mitte des Saals ist an der Stirnwand ganz am Ende des von einem Dutzend Vitrinen geräumten Mittelgangs eine gigantisch vergrößerte Comic-Seite zu sehen. Selbst auf die Distanz vom Eingang kann man erkennen, worum es geht: Eine junge Frau öffnet nach Aufforderung eine Tür und tritt ins Schlafzimmer einer Dame, die im Bett liegt. „Nur herein, Fräulein Deville“, ruft diese der Besucherin zu. Doch verstehen, was daran komisch ist, kann man erst, wenn man direkt vor dem Comic steht und das kleine Schild an der Tür liest: „Mme Durand, Psychoanalytikerin“. Dann fällt auch auf, dass vor dem riesigen Bett eine kleine Couch steht. Die Patientin wird von einer Analytikerin empfangen, die es sich bereits denkbar bequem gemacht hat. Oder selbst krank ist. Oder ohnehin gleich einschlafen wird. Wir haben es bei diesem Comic der Französin Rachel Deville mit dreifachem Bildsinn zu tun.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Die Ausstellung „Sick!“, die ihn zeigt, hat immerhin noch einen doppelten Sinn. Sie stellt Comics zum Thema Krankheit vor, und sie tut dies im Medizinhistorischen Museum der Berliner Charité in jenem Saal, der die von Rudolf Virchow persönlich 1898 hier eröffnete Präparatesammlung enthält. Deren Objekte, so wird in der Erläuterung zur Ausstellung erklärt, sprechen „eine (notwendigerweise) entpersonalisierte Sprache“. In der Tat, die Menschen, deren Krankheiten hier anhand der Körperteile dokumentiert werden, sind alle tot. Deshalb versteht sich „Sick!“ als „Interventionsausstellung“, die den Präparaten elf individuelle Krankheitsgeschichten von Lebenden entgegenstellen will. Alle gezeigten Comic-Beispiele stammen aus den letzten fünf Jahren und sind von jungen Künstlern gezeichnet worden – teilweise auf der Grundlage von Selbsterduldetem, teilweise auf der von Beobachtetem oder Erzähltem. Das ist mit Ausnahme von Devilles Arbeit nicht komisch, und die ist es auf den ersten Blick ja auch noch nicht.

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