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Literatur im Internet : Keine Angst vor Schreib-Maschinen

  • -Aktualisiert am

Kathrin Passig Bild: Daniel Pilar

Steht das Internet der Literatur im Weg? Kathrin Passig steht virtuellen Autorenkollektiven nicht nur mit Abneigung gegenüber, doch in ihren Grazer Vorlesungen, die nun als Buch erscheinen, überschätzt sie Künstliche Intelligenz auch nicht.

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          Wo also ist er, der alles Dagewesene überragende, seit Jahrzehnten angekündigte Internetroman? Kathrin Passig, eine der hellsichtigsten und literarisch erfahrensten (Ingeborg-Bachmann-Preis) eingebetteten Beobachterinnen der Bloggerszene, eröffnete ihre Grazer Vorlesungen zur Kunst des Schreibens, die nun als Büchlein erschienen sind, mit einem ganzen Reigen von Abgesängen auf die „Literatur im Netz“: Online-Erzählexperimente, Autoren-Foren, E-Books, Blogs. Jeder Vorstoß in diese Richtung führe, so legt die Aufzählung nahe, die hämische Abrechnung mit der (unterstellten) Netz-Euphorie immer schon mit sich. Für Passig fällt das schlicht unter „Widerwille gegen Veränderung“, der sich sogar radikalisieren könne zu der These, das Internet stehe der Literatur aktiv im Weg.

          Diese Meinung vertritt etwa Jonathan Franzen, der sich abseits seiner literarischen Meriten mit Tiraden gegen soziale Netzwerke und Internetkultur hervorgetan hat. Für Passig erweist sich Franzen als leichter Gegner, weil sich wie bei jeder genau betrachteten Polemik schnell Widersprüche zeigen. Der angeblich süchtig machenden, ablenkenden Netznatur wird beispielsweise nüchtern das alte „Suchtmittel“ Roman gegenübergestellt. Wichtiger aber ist für die Autorin, die im Umfeld der als „Zentrale Intelligenzagentur“ (ZIA) firmierenden Berliner Autorenszene, zu der auch Wolfgang Herrndorf gehörte, eigene Erfahrungen mit kollaborativem Schreiben gemacht hat, der Behauptung Franzens, gute Romane seien immer Werke von Einzelpersonen, zu widersprechen.

          Neues reift in Nischen heran

          Passig sieht keinen Grund, warum in der Literatur nicht möglich sein sollte, was bei Fernsehserien heute gängig ist: der (virtuelle) Writers Room. Der Umstand, dass dies noch nicht allzu verbreitet zu sein scheint, könne schlicht damit erklärt werden, dass technische Innovationen bis zu ihrer künstlerischen Verwendung stets eine Weile brauchten (Beispiel Fotografie) und dass das Neue häufig in Nischen heranreife. Als Beleg für Letzteres dient der seinerzeit als obszön geltende, literarisch vorausweisende „Ulysses“, den James Joyce 1922 in Gänze nur in Sylvia Beachs Pariser Verlagsbuchhandlung „Shakespeare & Company“, die auch Pornographisches vertrieb, publizieren konnte. Heute lasse sich das (formal) Zukunftsweisende im Self-Publishing-Bereich, bei Buch-Bloggern, in Multiplayer-Foren oder immer noch in der Pornographie finden, vermutet die Autorin.

          Hier nimmt der Essay aber erst richtig Fahrt auf, denn Passig erweitert den Begriff des kollaborativen Schreibens zum „Hervorbringer-System“, was den entscheidenden Vorteil hat, dass nun auch Computer – Stichwort Machine-Learning – als Mitautoren in Betracht kommen. Die entscheidende Silbe ist „Mit“. Wohltuend wenig gibt Passig, deren ganze Herangehensweise sich als Anti-Hype beschreiben lässt, auf das gegenwärtig beliebte Überschätzen der KI-Branche. Dass Roboter in naher Zukunft ganz allein Romane verfassen, glaubt die Autorin keineswegs. Vielmehr sei in so gut wie allen Fällen irgendwo ein Mensch am Herstellungsprozess beteiligt. Wo nicht mehr nur Textbausteine (etwa im automatisierten Journalismus) oder Markow-Ketten (Wortfolgen-Wahrscheinlichkeit) zum Einsatz kommen, hat ein fleischliches Wesen vielleicht die Templates oder den Code geschrieben.

          Auch der naiven Begeisterung über Experten täuschende Malerei- oder Lyrik-Generatoren (Passig hat selbst den unablässig lustige Gedichte nach „Avenidas“-Format twitternden „Gomringador“-Bot programmiert) hält die Autorin entgegen, dass es bei offenen, mit Vieldeutigkeit operierenden Formaten wie Lyrik leicht sei, zu solchen Ergebnissen zu kommen. Diese Entwarnung auf Augenhöhe mit der heutigen Informatik ist wichtig, weil dadurch die hier vertretene Zwischenposition als Skizze eines zukünftigen kollaborativen poietischen Systems sehr viel stärker wird: Maschinen machen im Rückgriff auf gewaltige Datenmengen Vorschläge; Menschen (auch dies gern im Plural, in der Theorie sogar das gesamte Publikum umfassend) bewerten die Ergebnisse, „weil Menschen leichter fällt, etwas Interessantes zu erkennen, als etwas Interessantes herzustellen“. Man muss die Behauptung im Nachsatz gar nicht unterschreiben, um zu erkennen, dass Kathrin Passigs elegant unprätentöse Infragestellung der alten Genieästhetik nicht nur auf guten Argumenten beruht, sondern auch ihren Charme hat: Vielleicht ist das gemeinsame Erzählen gar nicht so platt und formalistisch, wie ein Jonathan Franzen sich das vorstellt, sondern geradezu erfreulich.

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