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Andreas Rossmann (aro.)

Ein Literaturfestival expandiert : lit.Komplex

Köln im Höhenflug: Letztes Jahr gastierte die „lit.Cologne“ mit einer Lesung im Kölner Dom, dieses Jahr im Ruhrgebiet, der größten Stadt Deutschlands. Bild: dpa

Das Literaturfestival „lit.Colgone“ hat Kapazitätsprobleme: Auf der Suche nach neuen Orten für neue Veranstaltungen findet sie im Ruhrgebiet zahlungskräftige Partner. Dass die bisher wenig für Literatur übrig hatten, soll nicht stören.

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          Die lit.Cologne wird dieses Jahr siebzehn. Und bekommt, noch ist es fast neun Monate hin, auch schon, schwupp, Nachwuchs. Was sich jetzt anhört, als wäre sie eine kesse Göre, wo sie doch eine längst ausgewachsene und dabei überaus dominante, verdrängungswettbewerbsfähige Erscheinung ist. Ortsgebunden, wie der Name sagt, und mit knapp zweihundert Veranstaltungen in zwölf Tagen an ihre Grenzen gestoßen.

          Köln, das ihm bisher die Welt war, scheint dem Festival zu eng geworden, jedenfalls strebt es nach neuen Ufern. Nur wohin? Bonn? Liegt noch im Einzugsgebiet! Düsseldorf? Die verbotene Stadt geht gar nicht, und wie würde sich das anhören: lit.Düs? Aachen? Klänge schon besser: lit.Aix! Ist aber zu klein und dabei unberechenbar, gibt es doch gleich nebenan, in Würselen, eine Buchhandlung, die sich - so weit kommt’s noch! - gerade anschickt, den nächsten Bundeskanzler zu stellen. Und was ist mit Städten wie Berlin, Hamburg, München? Die hätten sich, so der Leiter der lit.Cologne, in den vergangenen Jahren für einen Ableger interessiert, doch hätten sich letztlich immer Hindernisse ergeben.

          Bislang hatten sie für Literatur wenig übrig

          Dann bleibt wohl nur noch die allergrößte deutsche Stadt, aber die muss einem erst einmal einfallen: „Das Ruhrgebiet ist einer der größten Ballungsräume in Europa mit mehr als fünf Millionen Menschen“, sagt der Festivalchef im Entdeckermodus, denn für einen Kölner ist das, etwa eine Autostunde entfernt, „Diaspora“! „Die Kontakte“, so schwärmt er, „waren von Anfang an ganz anders“, eine richtige Euphorie habe er dort gespürt! Womit freilich nicht Literatur-Aficionados wie Beate Scherzer von der Buchhandlung Proust oder der „Schreibheft“- Herausgeber Norbert Wehr gemeint sein können, die seit Jahrzehnten in Essen anspruchsvolle Lesereihen kuratieren und sich wundern, dass das Kulturdezernat der Stadt, das als „ideeller Unterstützer“ der lit.Ruhr auftritt, sie nicht einmal informiert hat.

          Nein, entscheidend für das Ruhrgebiet, wo in Duisburg, Essen, Bochum und Dortmund 75 Veranstaltungen geplant sind, sei, so der Festivalleiter, die Unterstützung durch Sponsoren und Stiftungen gewesen: Krupp-, Brost-, RAG-, Mercator- und Innogy-Stiftung sowie das NRW-Kulturministerium werden „maßgeblich“ fördern, Evonik, Sparkasse, Lueg AG, Privatbrauerei Stauder und Messe zählen zu den Unterstützern - ein Aufgebot für den Standort, als ginge es darum, Rot-Weiss Essen aus der Regional- in die Bundesliga hochzupäppeln.

          Mit Literaturförderung ist bisher, außer Mercator, keiner von ihnen groß aufgefallen, für die Initiativen vor Ort hatten sie wenig bis nichts übrig. Jetzt aber, da jemand von außen kommt und ein „großes Literaturfestival“ importiert, das am 4. Oktober in der 1900 Plätze bietenden Essener Philharmonie eröffnet wird, müssen sie „unbedingt“ dabei sein. Auch die Tonnenideologie, die seine große Industriegeschichte jahrzehntelang prägte, gehört, so zeigt sich hier, zu den Altlasten des Reviers. Wie sie sich auf die lit.Ruhr fixiert, offenbart die „Metropole“ ihren Minderwertigkeitskomplex.

          Andreas Rossmann
          Freier Autor im Feuilleton.

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