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David Wallace-Wells : Meine drei größten Klimawandel-Irrtümer

  • -Aktualisiert am

Eisberg vor Grönland im Sonnenuntergang Bild: dpa

Der amerikanische Journalist David Wallace-Wells hielt den Klimawandel lange für eine ferne Bedrohung. Heute warnt er vor den akuten Folgen für die gesamte Menschheit. Ein Gespräch.

          Ihr Buch heißt „Die unbewohnbare Erde“ – wie lange wird unser Planet noch bewohnbar bleiben?

          Das hängt davon ab, wie schnell jetzt effektiv gehandelt wird. Wir müssen uns vor Augen führen: Innerhalb der Spanne eines Menschenlebens haben wir den Planeten an den Rand der Klimakatastrophe gebracht. Ein Viertel der Emissionen, die gegenwärtig die globale Erderwärmung, Extremwetter wie Dürren und Hurrikans nach sich ziehen, wurden seit 2007 produziert – seit dem Jahr, als das iPhone auf den Markt kam, um es anschaulicher zu machen. Wenn es in zehn Jahren immer noch so wenig Bewegung in der Politik gibt wie jetzt, halte ich eine Erwärmung von drei oder sogar vier Grad für wahrscheinlich.

          Sie sagen, es muss effektiv und schnell gehandelt werden: Was sind die wichtigen Schritte?

          Der größte Hebel für Veränderungen liegt in Gesetzen. Es ist gut, wenn Staaten, Firmen oder auch Teile einer Gesellschaft einen klimafreundlicheren Weg einschlagen, aber das reicht nicht mehr aus; es muss ein globales, bindendes Regelwerk geben.

          Ein globales Regelwerk oder gar eine Institution, die dieses übersieht, ist schwer vorstellbar.

          „Ich trete aus meiner Rolle als Journalist immer wieder heraus und sehe mich auch als Aktivist“: David Wallace-Wells

          Die geopolitischen Folgen des Klimawandels werden in den nächsten Jahrzehnten die größte diplomatische Herausforderung sein, und zweifellos befinden wir uns im Hinblick auf die Weltpolitik in einer denkbar schlechten Situation mit Regierungsführern wie Donald Trump, Jair Bolsonaro oder Xi Jinping, unter denen der Dialog immer weiter abreißt und die den etablierten Institutionen zunehmend den Rücken zukehren. Oder wenn man an rechtspopulistische Parteien denkt und deren Haltung, der beste Schutz gegen den Klimawandel seien Grenzen.

          Welche konkreten Maßnahmen halten Sie für wichtig?

          Einen sofortigen Kurswechsel in Bezug auf fossile Brennstoffe, einen sofortigen Stopp der Subventionen und der Ausstieg aus der Kohleindustrie. Wir brauchen hingegen sehr viel mehr Subventionen im Bereich Technologie – und ich denke, Teil der Lösung ist auch, dass der globale Norden seine Innovationen dem globalen Süden ohne Kosten zur Verfügung stellt. Mir ist klar, dass all das mit enormen Hürden verbunden ist, aber wir befinden uns auch in einer massiven Krise. Zudem müssen Kohlendioxidemissionen ihren Preis haben.

          In Deutschland wird momentan über eine Kohlendioxidsteuer diskutiert. Welche Höhe halten Sie für richtig?

          Ich denke, dass eine Kohlendioxidsteuer Teil der Lösung ist, aber nicht die alleinige. Denkt man an die katastrophalen Umweltschäden und den 1,5-Grad-Sonderbericht des Weltklimarats vom vergangenen Herbst, wäre ein Preis in der Höhe von 200 Dollar pro Tonne ein Anfang. Ich habe vor einer Weile eine Studie gelesen, laut der der Preis pro Tonne schnell und drastisch steigen müsste, bis hin zu mehreren tausend Dollar, damit es wirklich einen Effekt gibt. Deshalb ist der Bereich Innovation so wichtig: Wir brauchen bessere Speichermöglichkeiten für erneuerbare Energien, es gibt das große Forschungsgebiet Wasserstoff als Treibstoff. In der Landwirtschaft braucht es dringend neue Ansätze, um den Ausstoß von Methan zu reduzieren.

          Müsste man nicht schlichtweg weniger Fleisch essen?

          Es gibt Studien, dass Seegras als Futter für Rinder dazu führt, den Methanausstoß um 95 Prozent zu senken – hier ist noch Forschung notwendig, aber was ich sagen will: In jedem Wandel liegt auch eine Chance. Die Klimakrise sollte auch so verstanden werden. Es gibt Chancen für Verbraucher und Wirtschaft, was meiner Ansicht nach ein wesentliches Element dafür ist, dass Veränderungen angestrebt werden.

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