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Hans-Joachim Gelberg Bild: Ullstein

Hans-Joachim Gelberg gestorben : Er versetzte Berge

Er entdeckte Peter Härtling als Kinderbuchautor, verlegte Janosch und Christine Nöstlinger und revolutionierte die Jugendliteratur: Zum Tod von Hans-Joachim Gelberg.

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          Eine Geschichte, die Hans-Joachim Gelberg nach dem Tod seines langjährigen und engen Freundes Peter Härtling im April 2017 in der F.A.Z. erzählte, geht so: Die Ehepaare Gelberg und Härtling verbrachten 1980 einige Tage zusammen in Italien. In Montepulciano erinnerten sie sich an eine Filmszene, in der es über einen Astronomen heißt: „Er war ein Genie, aber er hatte kein Diplom.“ Also stellten sich die Freunde auf einen Palazzo-Balkon und riefen begeistert in die italienische Nacht: „Wir haben kein Diplom!“ – die Sache mit dem Genie musste nicht groß betont werden. Und die Diplomlosigkeit, die in beiden Fällen zutraf, wurde mehr als wettgemacht durch die Flut der Ehrungen, die auf beide, den Autor wie den bald schon legendären Verleger, herunterprasseln sollte.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Den eigenen Erfolg bemaß Gelberg mit sicherem Blick für die Realitäten an den Verkaufszahlen der von ihm verlegten Bücher, aber vielleicht noch mehr daran, ob es gelungen war, einen dafür befähigten Autor nachhaltig „in die Fangarme der Kinderliteratur“ zu locken – im Fall von Peter Härtling war der Köder eine Bemerkung Gelbergs, in einer programmatischen Rede des Autors zur Literatur für junge Leser stecke eigentlich ein Kinderbuch. Was daraus entstand, verkaufte sich zwar zunächst nicht gut. Langfristig aber war Härtlings Beitrag zu Gelbergs Verlagsprogramm ideell und auch wirtschaftlich eine Säule. Und man darf fragen, ob es den „Hirbel“, „Ben liebt Anna“ oder „Oma“ ohne den Verleger, den Lektor und Freund überhaupt gäbe.

          Lektor statt Priester

          Gelberg, geboren 1930 in Dortmund, machte eine Buchhandelslehre, erwog kurz, Priester zu werden, wurde Lektor in verschiedenen Häusern und begründete 1971 in der Verlagsgruppe Beltz das Kinder- und Jugendbuchprogramm „Beltz & Gelberg“, das er 26 Jahre lang leiten sollte. Er zog sich seine Autoren heran und hielt an ihnen, hatte man sich einmal gefunden, auch fest: Christine Nöstlinger und Mirjam Pressler, Peter Härtling und Janosch, Friedrich Karl Waechter und Klaus Kordon, und dass im Verlagsprogramm so viel Verspieltheit neben so viel Ernst stehen konnte, so viel Anliegen und Sehnsucht nach einer besseren Welt mit den luzidesten Techniken der Verführung eine derart innige Verbindung eingehen konnte, ist ein schöner Beweis für den verlegerischen Instinkt Gelbergs. Und für sein Unvermögen, sich irgendeiner Ideologie hinzugeben, wenn das auf Kosten der Literatur gehen sollte.

          Gelberg, der mit seinem am Ende schlohweißen Lockenkopf, den klugen Augen und dem verhaltenen Lächeln auf die angenehmste Art der Welt manchmal wie ein großes Kind wirken konnte, trug zum Verlagsprogramm eine Reihe von zauberhaften Anthologien bei, wobei seine Liebe nicht zuletzt der Kinderlyrik galt. Anfangs war es die Anthologie „Geh und spiel mit den Riesen“, von der mehr als 120.000 Exemplare verkauft werden, die früh und sehr deutlich zeigte, wohin die Verlagsreise führen sollte: Als üppiges „Jahrbuch für Kinderliteratur“ angekündigt, enthält sie eine Fülle von Geschichten, Gedichten, Zeichnungen und Comics von Autoren und Künstlern, die sich mit Gelberg zusammen auf den Weg gemacht hatten, um der Literatur für junge Leser eine Alternative aufzuzeigen. Für die Beiträger war sie Sprungbrett und Bestätigung zugleich.

          Gegen die Miesmacher

          Beltz & Gelberg ist noch heute, lange Jahre nach dem Ausscheiden des Gründers, eine der ersten Adressen für deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur. Aber die Wirkung des kinderliterarischen Programms, das Gelberg verkörperte, reicht weit über die Grenzen dieses Hauses hinaus und zugleich, weil Kinder älter werden und, so mag man hoffen, manchmal dabei mitnehmen, was sie gelesen haben, auch weit über die Grenzen der jungen Leserschaft hinaus.

          Sein Freund habe, schrieb ihm Peter Härtling einmal, „gegen die Miesmacher, die Trendsetter, die AusDerWirklichkeitFlüchter Berge versetzt.“ Das ist nicht übertrieben. Am Sonntag ist Hans-Joachim Gelberg im Alter von 89 Jahren gestorben.

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