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Kinder- und Jugendliteratur : Jungs voran

Ganz ohne Quote: Immer mehr Jungen greifen zum Buch Bild: Verena Müller

Der Markt für Kinder- und Jugendliteratur ist im Umbruch: Wo lange Zeit Eltern und Großeltern die Masse der Kundschaft stellten, holen die Jüngsten jetzt auf. Die Verlage werden sich darauf einstellen müssen.

          Patentantenbücher sind gefürchtet. Sie sind groß, dick, bunt und teuer. Sie richten sich an Kinder und Jugendliche und vermitteln Detailwissen über die deutsche Geschichte, die Tierwelt im Regenwald oder den Fahrzeugbau seit Gottlieb Daimler. Werden sie verschenkt, und das werden sie so gut wie immer, dann erwarten die Geber glückstrahlende Mienen beim Auspacken - wenigstens bei den Eltern. Die beschenkten Kinder werden schon noch merken, was für einen Schatz sie da in Händen halten, selbst wenn sie jetzt noch etwas missmutig schauen.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Markt für Kinder- und Jugendliteratur (KJL) ist ein Solitär mit bisweilen seltsamen Zügen: Er ist nicht inhaltlich definiert wie etwa der Markt für Gedichtbände oder Reiseführer, sondern einzig über die Zielgruppe - alles geht, solange es sich an Menschen zwischen null und achtzehn richtet. Gleichzeitig zerfällt dieser Markt seit je in diejenigen, die kaufen, und diejenigen, die lesen: Jahrzehntelang wurde kaum ein Buch aus diesem Bereich von denen erworben, für die es auch gedacht ist. Eltern und Großeltern kaufen für ihre Kinder und Enkel, junge Erwachsene kaufen neuerdings Jugendbücher wie „Harry Potter“ oder „Die Tribute von Panem“, um sie selbst zu lesen, und selbstverständlich trugen die Verlage diesen Trends Rechnung.

          Alles auf Kontinuität?

          Denn der Markt für Kinder- und Jugendliteratur ist insgesamt unglaublich konservativ: Kinderbuchklassiker wie „Die kleine Raupe Nimmersatt“, die Bücher von Astrid Lindgren oder Otfried Preußler spielen eine große Rolle, weil diejenigen, die sich vor dreißig Jahren an ihnen begeistert haben, genau dies an ihre Kinder weitergeben wollen. Und dass allen Ernstes „Die Häschenschule“ immer noch gern gekauft und verschenkt wird, kann man sich nur mit nostalgischen Großeltern erklären, die lieber zu Bewährtem greifen als zu Büchern, von denen sie noch nie gehört haben. Auch auf die Gefahr hin, dass die Beschenkten damit nichts anfangen können.

          Muss das so sein? Eine Studie, die kürzlich vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Jugendbuchverlage durchgeführt worden ist, lässt hoffen. Sie untersucht, wer in Deutschland im vergangenen Jahr aus welchen Motiven Kinder- und Jugendbücher gekauft hat - und für wen. Das Ergebnis ist für die Verlage gleichzeitig ermutigend und bedenklich: Immer mehr Käufer, nämlich 14,3 Millionen, kauften insgesamt weniger Bücher als im Vorjahr - 68,3 Millionen gegenüber 68,9 Millionen - und zahlten dafür im Schnitt nur noch 8,40 Euro pro Buch. Ein Grund dafür ist, dass der Anteil jüngerer Käufer deutlich gestiegen ist: Die Zehn- bis Neunzehnjährigen machen inzwischen bereits fünfzehn Prozent aller Kunden von Kinder- und Jugendbüchern aus - und das ist vor allem auf eine wachsende Zahl von Jungen zurückzuführen, die zum Buch greifen. Besonders eifrig sind die Elf- bis Fünfzehnjährigen, die inzwischen fast so viele Bücher kaufen wie gleichaltrige Mädchen.

          Die Leserschaft wird mündig

          Wie kommt das? Insgesamt, auch das fanden die Forscher heraus, werden immer mehr Kinder- und Jugendbücher für den Eigenbedarf gekauft: Im vergangenen Jahr war das jedes vierte, 2009 nur jedes fünfte. Und ein wachsender Anteil dieser Bücher wird spontan in Buchhandlungen gekauft. Nimmt man all dies zusammen, so deutet das geradewegs auf eine stille Revolution hin: Kinder und Jugendliche fangen endlich an, selbst zu bestimmen, was sie lesen wollen. Sie gehen in die Buchhandlungen, lassen sich beraten, stöbern und kaufen Bücher, wofür sie naturgemäß im Schnitt weniger bezahlen als berufstätige Erwachsene - so kommen die höheren Käuferzahlen und der trotzdem geschrumpfte Umsatz zustande. Und siehe da: Ausgerechnet die Jungen, jahrelang als Lesemuffel geschmäht, sind in diesem Wachstumsszenario Vorreiter.

          Warum gerade die Jungen? Vielleicht, weil sie mit Titeln wie „Gregs Tagebuch“, den allgegenwärtigen Piratengeschichten oder auch den realistischen Jugendbüchern mit männlichen Hauptfiguren endlich ein breites Angebot finden, das sie interessiert. Oder weil in Buchhandlungen und vor allem den Bibliotheken Kinder mittlerweile stöbern dürfen, was das Zeug hält - die Erfahrung lehrt, dass kein Buch so gute Chancen hat, zu Ende gelesen zu werden, wie dasjenige, das sich ein Kind selbst aus dem Regal gezogen hat.

          Wahrscheinlich aber ist das nur der Anfang. Denn wenn im Kinder- und Jugendbuchmarkt plötzlich aus den Lesern auch mündige Käufer werden, können sich Verlage und Buchhändler künftig nicht mehr darauf beschränken, Eltern und Großeltern zu umwerben. Sie müssen sich um die jungen Leser kümmern, um ein Publikum also, das kritischer und begeisterungsfähiger ist als viele Erwachsene. Und eines, um das es offenbar besser steht, als es die üblichen kulturpessimistischen Unkenrufe vermuten lassen.

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