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Bücher über Frauenhass : Das Patriarchat als Allerweltsformel

  • -Aktualisiert am

Frauenmauer gegen Trump: Aktivistinnen bei einem Protest in New York Bild: Picture-Alliance

Kate Manne formuliert eine steile These zu tiefsitzender Misogynie. Und Donna Zuckerberg macht mit Milieus bekannt, die dafür sogar antike Klassiker in Stellung bringen.

          Frauenfeindlichkeit im Internet stellt mittlerweile ein eigenes Forschungsfeld dar. Der an der amerikanischen Cornell-Universität lehrenden Philosophin Kate Manne zufolge ist das nur konsequent: Wie sie in ihrem Buch über „Die Logik der Misogynie“ meint, sei Frauenhass ein weit verbreitetes Phänomen unserer Gegenwart. Und in der Tat treibt er im virtuellen Raum seltsame Blüten. Einer davon widmet sich Donna Zuckerberg, die Schwester der Facebook-Gründers: Antifeministische Bewegungen entdecken antike Autoren.

          Kate Mannes Ziel ist dagegen allgemeiner und hochgesteckt. Sie strebt an, ein Modell zu entwickeln, anhand dessen Misogynie eindeutig zu erkennen sei. Eingelöst wird dieser Anspruch von ihr allerdings nicht. Zwar ist ihre Unterscheidung zwischen Sexismus als Ideologie und Misogynie als Werkzeug, das den Sexismus sicherstellen soll, ein interessanter Ansatz. Doch die Argumentation ist oberflächlich, die in teilweise schwerverständlichen Sätzen präsentierten Herleitungen sind ahistorisch und kontextlos. Als Analyse wird verbrämt, was allein Behauptung ist: Frauen würden zu fürsorglich „Gebenden“ sozialisiert, Männer zu „Nehmenden“, Misogynie bestrafe fordernde Frauen.

          Die Spitze eines großen, beunruhigenden Eisbergs

          Als Beweisführung für solche Behauptungen dient eine lose, in ihrer monokausalen Einfachheit oft fahrlässig erstellte Indizienkette aus Zeitungsartikeln und Sekundärliteratur zu so unterschiedlichen Themen wie Amoklauf, hässliche Gewalt, Abtreibungsgegner, Säureangriffe auf Frauen in Bangladesch und Hillary Clinton. Eine Fußnote handelt nebenbei den Völkermord von Ruanda als Beispiel für entmenschlichende Propaganda ab. Es hakt grundlegend an der Methode: „Das bestätigt schon ein flüchtiger Blick auf die gesellschaftliche Welt um uns herum: Feindseligkeit gegen Frauen ist lediglich die Spitze eines großen, beunruhigenden Eisbergs.“ Plausibilität braucht mehr als flüchtige Blicke.

          Kate Manne: „Down Girl“. Die Logik der Misogynie.

          Nachteilig ist auch der in der Übersetzung erhaltene englische Duktus, wobei mäandernde Sätze in keiner Sprache überzeugen: „Nach meinem Verständnis gilt ein gesellschaftliches Milieu insofern als patriarchalisch, als darin bestimmte Arten von Institutionen und gesellschaftlichen Strukturen gedeihen und weithin Unterstützung genießen – zum Beispiel der Staat und allgemeinere kulturelle Quellen wie materielle Ressourcen, gemeinschaftliche Werte, kulturelle Erzählungen, Darstellungen in Medien und Kunst und so weiter.“ Viel weiter lässt sich Strukturelles nicht abstrahieren, und so bleibt das Patriarchat eine Allerweltsformel.

          Methodisch entgegengesetzt zu Kate Mannes weitgespannten Bögen, untersucht die Altphilologin Donna Zuckerberg detailliert sektiererische Sondermilieus. In deren Misogynie erkennt auch sie den Willen zur Kontrolle. So kämpft die Red-Pill-Gemeinde – eine nach der die Wahrheit enthüllenden Tablette aus dem Film „Matrix“ benannte Ansammlung von Online-Foren – gegen eine angebliche „frauenzentrierte“ („gynocentric“) Welt. Als Lösung des vermeintlichen Problems wird dort eine Mischung aus politischer Ideologie und Ratschlägen zur Selbstoptimierung präsentiert, wozu die antike Philosophie Stichworte liefern darf: Wer etwa mit Mark Aurel aller Dinge Nichtigkeit erkenne, werde unabhängig vom Lauf der Dinge und beweise Überlegenheit. Die digitalen Stoizismus-Adepten wollen in Frauen und schwarzen Männern hohe Emotionalität und grundlose Wut erkennen. Das erlaubt ihnen, sie zu verkindlichen und ihre Unterdrückung zu legitimieren.

          „Leitfaden zur Vergewaltigung“

          Kristallisationspunkt misogyner Tendenzen ist bei beiden Autorinnen Donald Trump, Inbegriff „gekränkter Anspruchshaltung“. Aus dieser erwachse, dem in beiden Büchern zitierten Soziologen Michael Kimmel zufolge, der Frauenhass: Weiße Männer sähen sich um ihren Erstzugriff auf Frauen, Arbeit und politische Dominanz gebracht. Überschneidungen zwischen misogynen und rassistischen Gruppen seien die logische Folge, denn letztlich, schreibt Zuckerberg, diene Frauenfeindlichkeit dazu, die Sexualität weißer Frauen zu überwachen.

          Die digitale „seduction community“ entnimmt antiken Schriften daher vor allem den Rat, auf weibliche Zustimmung zur Erotik am besten zu verzichten. Ovids Gedicht von der Liebeskunst werde zum „Leitfaden zur Vergewaltigung“. Damit ist man bei amerikanischen Campus-Kontroversen angelangt: Braucht vormodernes Schrifttum im Unterricht sogenannte Trigger-Warnungen? Schreiben Kanons nur Werke fest oder auch Autoreigenschaften wie weiß, männlich, heterosexuell? Dieses Unbehagen durchzieht Zuckerbergs Text: Die Bewahrung von Literatur bedeute auch ihre am Gegenwartsinteresse orientierte Erneuerung. Die fällt, das ist unbestritten, selektiv und oft dezidiert politisch aus.

          Donna Zuckerberg: „Not All Dead White Men“. Classics and Misogyny in the Digital Age.

          Im Gegensatz zu Mannes Weitschweifigkeit bietet Zuckerbergs Buch bündige, informative, wenn auch keine tiefschürfende Lektüre. Die Autorin historisiert Misogynie und reflektiert die Popularität der Antike: „Im stoischen Denken ist, wie im heutigen Amerika, emotionale Kontrolle ein Zeichen moralischer Überlegenheit.“ Philosophie sei aber eben kein Instrument zur Effizienzsteigerung – ein auch im Silicon Valley oft anzutreffendes Missverständnis. Dennoch: Die Erkenntnis, dass Krudität nicht vor Klassikern haltmacht, dürfte nicht überraschen.

          Lesern ohne Twitter-Konto sei bei Begriffen wie „Misogynoir“, „Incels“ und „doxxing“ zu linguistischer Neugier geraten. Und apropos Sprache: Manne und Zuckerberg eint vor allem, dass sie großzügig darauf verzichten, über Genrekonventionen und Worte als Möglichkeit der Ersatzhandlung und Kompensation zu reflektieren. Manne versucht sich zudem in Begriffsprägung: Das unübersetzbare Wort „Himpathy“ soll Mitleid für männliche Täter bezeichnen, dürfte sich aber zu manierierten Anglizismen wie „mansplaining“ gesellen, die dem Feminismus oft nicht zu Unrecht den Ruf einbringen, zur Nabelschau anglophoner Mittelschichtsakademiker geraten zu sein.

          Zwar verweisen beide Autorinnen auf die Grenzen des Terrains, dem ihre Aufmerksamkeit gilt, den amerikanisch-australischen Raum bei Manne und die Tech-Szene bei Zuckerberg. Dennoch ist fraglich, ob hier exemplarische Fälle eines systemischen Frauenhasses beschrieben werden oder ob die Autorinnen Online- mit Realpräsenz verwechseln und die oft extremen Beispiele vor allem zur eigenen politischen Positionierung gewählt sind. So schreibt Manne, die Wut der Trump-Anhänger entstehe aus deren „Sehnsucht, den beschämenden Blick der liberalen Eliten abzuwehren“. Und erst dadurch sei die Elite verpflichtet, „eine Position moralischer Überlegenheit einzunehmen“. Denn: „Unsere Handlungen sind politische Korrekturakte.“ Derart ungefilterte Selbstgerechtigkeit ist dann doch verblüffend. Der Wille zur Vorverurteilung setzt sich durch: „Ein weiterer Aspekt meiner Darstellung der Misogynie ist, dass sie gezielt Dispositionen oder Tendenzen aufzeigt. Daher muss ein gesellschaftliches Milieu negative Einstellungen oder Handlungen gegen irgendjemanden zum jeweiligen Zeitpunkt nicht aktiv manifestieren, um es als genuin misogyn einzustufen.“ Das ist die Herrschaft des Verdachts.

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