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Bücher über Frauenhass : Das Patriarchat als Allerweltsformel

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„Leitfaden zur Vergewaltigung“

Kristallisationspunkt misogyner Tendenzen ist bei beiden Autorinnen Donald Trump, Inbegriff „gekränkter Anspruchshaltung“. Aus dieser erwachse, dem in beiden Büchern zitierten Soziologen Michael Kimmel zufolge, der Frauenhass: Weiße Männer sähen sich um ihren Erstzugriff auf Frauen, Arbeit und politische Dominanz gebracht. Überschneidungen zwischen misogynen und rassistischen Gruppen seien die logische Folge, denn letztlich, schreibt Zuckerberg, diene Frauenfeindlichkeit dazu, die Sexualität weißer Frauen zu überwachen.

Die digitale „seduction community“ entnimmt antiken Schriften daher vor allem den Rat, auf weibliche Zustimmung zur Erotik am besten zu verzichten. Ovids Gedicht von der Liebeskunst werde zum „Leitfaden zur Vergewaltigung“. Damit ist man bei amerikanischen Campus-Kontroversen angelangt: Braucht vormodernes Schrifttum im Unterricht sogenannte Trigger-Warnungen? Schreiben Kanons nur Werke fest oder auch Autoreigenschaften wie weiß, männlich, heterosexuell? Dieses Unbehagen durchzieht Zuckerbergs Text: Die Bewahrung von Literatur bedeute auch ihre am Gegenwartsinteresse orientierte Erneuerung. Die fällt, das ist unbestritten, selektiv und oft dezidiert politisch aus.

Donna Zuckerberg: „Not All Dead White Men“. Classics and Misogyny in the Digital Age.

Im Gegensatz zu Mannes Weitschweifigkeit bietet Zuckerbergs Buch bündige, informative, wenn auch keine tiefschürfende Lektüre. Die Autorin historisiert Misogynie und reflektiert die Popularität der Antike: „Im stoischen Denken ist, wie im heutigen Amerika, emotionale Kontrolle ein Zeichen moralischer Überlegenheit.“ Philosophie sei aber eben kein Instrument zur Effizienzsteigerung – ein auch im Silicon Valley oft anzutreffendes Missverständnis. Dennoch: Die Erkenntnis, dass Krudität nicht vor Klassikern haltmacht, dürfte nicht überraschen.

Lesern ohne Twitter-Konto sei bei Begriffen wie „Misogynoir“, „Incels“ und „doxxing“ zu linguistischer Neugier geraten. Und apropos Sprache: Manne und Zuckerberg eint vor allem, dass sie großzügig darauf verzichten, über Genrekonventionen und Worte als Möglichkeit der Ersatzhandlung und Kompensation zu reflektieren. Manne versucht sich zudem in Begriffsprägung: Das unübersetzbare Wort „Himpathy“ soll Mitleid für männliche Täter bezeichnen, dürfte sich aber zu manierierten Anglizismen wie „mansplaining“ gesellen, die dem Feminismus oft nicht zu Unrecht den Ruf einbringen, zur Nabelschau anglophoner Mittelschichtsakademiker geraten zu sein.

Zwar verweisen beide Autorinnen auf die Grenzen des Terrains, dem ihre Aufmerksamkeit gilt, den amerikanisch-australischen Raum bei Manne und die Tech-Szene bei Zuckerberg. Dennoch ist fraglich, ob hier exemplarische Fälle eines systemischen Frauenhasses beschrieben werden oder ob die Autorinnen Online- mit Realpräsenz verwechseln und die oft extremen Beispiele vor allem zur eigenen politischen Positionierung gewählt sind. So schreibt Manne, die Wut der Trump-Anhänger entstehe aus deren „Sehnsucht, den beschämenden Blick der liberalen Eliten abzuwehren“. Und erst dadurch sei die Elite verpflichtet, „eine Position moralischer Überlegenheit einzunehmen“. Denn: „Unsere Handlungen sind politische Korrekturakte.“ Derart ungefilterte Selbstgerechtigkeit ist dann doch verblüffend. Der Wille zur Vorverurteilung setzt sich durch: „Ein weiterer Aspekt meiner Darstellung der Misogynie ist, dass sie gezielt Dispositionen oder Tendenzen aufzeigt. Daher muss ein gesellschaftliches Milieu negative Einstellungen oder Handlungen gegen irgendjemanden zum jeweiligen Zeitpunkt nicht aktiv manifestieren, um es als genuin misogyn einzustufen.“ Das ist die Herrschaft des Verdachts.

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