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Marcel Reich-Ranicki zum 100. : Unser Erzieher

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Ein zivilisatorischer Faktor: Rundgang mit Marcel Reich-Ranicki zu den Orten seiner Kindheit und Jugend in Berlin, hier am Eingang seiner ehemaligen Schule in der Emser Straße, 1999. Bild: Frank Röth

Marcel Reich-Ranicki war ein zivilisatorischer Faktor – in der Literatur und mehr noch in der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Ein Gastbeitrag.

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          Nach Alfred Kerr hat es von diesem Rang nur noch einen weiteren Kritiker gegeben: Marcel Reich-Ranicki. Er war trotz Günter Blöcker und Friedrich Sieburg, den beiden die Nachkriegskritik der als F.A.Z. erneuerten „Frankfurter Zeitung“ prägenden Größen, derjenige, der als Chef des Literaturteils dieser Zeitung von 1973 bis 1988 das westdeutsche Bürgertum nicht nur fesselte, sondern die Auswahl von dessen literarischer Lektüre nachdrücklich beeinflusst hat. Seine späteren Fernsehauftritte, bei deren Diskussionen über Neuerscheinungen er jeweils den Vogel abschoss, festigten dieses Image. Das schloss nicht aus, dass ihm im Kreise von Intellektuellen schärfste, partiell vernichtende Kritik widerfuhr. Urteil und Ressentiment sind hier abzuwägen.

          Der vor hundert Jahren in einer polnisch-jüdischen Familie Geborene überlebte die nationalsozialistischen Verfolgungen und kam nach einer kurzen Emigration nach England und einer Karriere im kommunistischen Warschau nach Westdeutschland, um nach langjähriger Tätigkeit als Kritiker für „Die Zeit“ vom damals neuen Herausgeber des Feuilletons der F.A.Z., Joachim Fest, als Chef des „Literaturblatts“ – wie es noch hieß – eingesetzt zu werden. Fest und Reich-Ranicki wurden von ihren Ressorts, dem Feuilleton und der Literaturredaktion, nicht mit offenen Armen aufgenommen. Fest wegen seiner Sachlichkeit und inneren Unabhängigkeit aber schließlich doch mit Sympathie, Reich-Ranicki dagegen eher unter Vorbehalten, nicht zuletzt ob seines jeden und alles okkupierenden Ehrgeizes. Der bis dahin den Literaturteil bestimmende Redakteur (und Autor dieser Erinnerung) galt dem neuen Chef – wie man es wenden will – entweder als nicht publikumsorientiert genug oder als zu intellektuell. Ersteres war Reich-Ranicki in hohem Maße, Letzteres nach eigenem Zuschnitt nicht. Vermutlich hat ihn der literaturkritische Stichwortgeber jener Epoche, Walter Benjamin, nicht so beeinflusst wie seinen Vorgänger im Amt. Aber was bedeutet das?

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