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Katholische Kirche : Ein Abend unverblümter Attacken

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Der Vortrag ist ein Beleg dafür, wie angespannt derzeit die Stimmung der katholischen Geistlichkeit ist. Wenn vom 4.Oktober an in Rom die Bischofssynode über „Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute“ beraten wird, kann es zum großen Krach kommen. Mit nie dagewesener Deutlichkeit werden die Frontverläufe mittlerweile öffentlich gemacht. Man lese nach bei Sarah: Auf die Frage seines Interviewers Nicolas Diat, wie er es mit der Ansicht von Marx halte, die Frage der wiederverheirateten Geschiedenen gehöre weltweit zu den drängenden Herausforderungen der Ehe- und Familienpastoral, antwortet der so: „Ich habe großen Respekt vor Kardinal Reinhard Marx. Doch diese allgemeine Aussage scheint mir Ausdruck einer Ideologie zu sein, die man im Gewaltmarsch der ganzen Kirche aufoktroyieren will.“

Weder Kultbeamte noch Psychotherapeuten

Im Fortgang seiner langen Antwort – dem Buch hätte ein strafferes Lektorat nicht geschadet – spricht Sarah gar von einer „Obsession gewisser abendländischer Kirchen, die der Lehre Jesu und dem kirchlichen Lehramt radikal widersprechen“. Ideologie: Schlimmer geht es nicht, und so sieht das auch Kardinal Müller, der nun seinem Ruf als ausgreifender Redner gerecht wird. Ausgangspunkt: die von Romano Guardini attestierte „Liturgieunfähigkeit des modernen Menschen“.

Kardinal Marx darf bei der Buchvorstellung nicht fehlen.

Mitten in Müllers gelehrte Ausführungen hinein geschieht etwas Unerwartetes. Der in der ersten Reihe sitzende Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers, der Frankfurter Unternehmensberater S.K.H. Asfa-Wossen Asserate, der „Manieren“-Prinz, ermannt sich und öffnet unter lautem Geruckel und Quietschen der Läden ein Fenster. Die Aktion rettet nicht nur Menschenleben, sie ist auch schönes Symbol dafür, wie dieses Mal Afrika ein Fenster in Alteuropa aufgestoßen hat. Draußen rauscht der Regen.

„Vatican en miniature“

Derweil geht Kardinal Müller streng mit der Gegenwart und dem säkularen Staat als Hort des atheistischen Naturalismus ins Gericht. Aber er schont auch seine Glaubensbrüder nicht: Priester seien weder Kultbeamte noch Psychotherapeuten in seltsamen Kleidern. Und schon gar nicht tauge der „zynisch-mondäne Lebensstil“ Alteuropas und Nordamerikas als Vorbild für den Rest der Welt. Die Kenntnis des eigenen Glaubens sei bei deutschen Katholiken auf dem Tiefstand, demgegenüber sei der Furor, mit dem man versuche, die katholische Ehelehre zu dekonstruieren, geradezu abenteuerlich. Er selbst habe sich von einem „Parteifunktionär“ in einer Zeitung in Sachen Offenbarungslehre belehren lassen müssen. Den Namen Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, muss er hier nicht erwähnen. Das Sakrament der Ehe bleibe unauflöslich – alles oder nichts. Es folgen Dankesworte der Fürstin, die mehrmals erregt „Éminence!“ hervorstößt. Dann heißt es, der Herr Domkapellmeister Ratzinger wolle heimgehen, aber die Gastgeberin hadert mit der Technik und ruft eine Ordensschwester herbei: „Schwester, ich finde den Rückwärtsgang nicht!“

Kardinal Sarah schweigt zu all diesem vornehm, er bedankt sich zwischen dreierlei Tatars und der glacierten Milchkalbsschulter mit wenigen Sätzen für die Gastfreundschaft. Weswegen vermutlich der Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach als Weltlicher in die Bresche springt und dem versammelten „Vatican en miniature“ auf Französisch eine schneidige Tischrede hält, mit der er den Gast im „Missionsland Deutschland“ willkommen heißt. Es war einmal, vor langer Zeit, und doch geschieht es jetzt. Die Stimmung ist so prächtig, wie der Barocksaal glänzt. Als zum Cognac Zigarren gezückt werden, trollen sich die ersten pflichtbewussten Kapläne, hinaus in den Regen der schwarzen Nacht.

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