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Junge Lektoren über ihre Arbeit : Wie findet man den nächsten Thomas Mann?

  • Aktualisiert am

Mona Lang
(29, Lektorin bei Kiepenheuer & Witsch)

Skypen, Mailen SMSsen

Lektoratsarbeit besteht nicht darin, Bücher zu suchen, sondern sie zu verhindern. So jedenfalls das Credo eines ehemaligen Kollegen, und empirisch ist es ja auch kaum zu widerlegen - es werden in Verlagen weit mehr Bücher geprüft und verworfen als geprüft und veröffentlicht. Wir bei Suhrkamp hingegen halten es hedonistisch und folgen lieber den eigenen Begeisterungen. Unser Verlag ist ein Laboratorium politischer und ästhetischer Phantasien - klingt harsch offiziell, ist aber so - und zugleich ein Profit-Center - darüber spricht man nicht so gern -, und das Wahre ist das Ganze. In unseren Programmen stehen also Bücher für die Happy Few, Bücher von kapitaler Literarizität, die von den Feuilletons beachtet werden und die entscheidend zur Profil- und Markenbildung beitragen, neben Büchern, die hoffentlich irgendwann in Stapeln in Hauptbahnhofsbuchhandlungen liegen und ein großes Publikum erreichen. Praktisch begeistern wir uns für das eine wie das andere.

Als Lektor lebt man polyamourös und führt offene Beziehungen mit seinen Autoren, denn es gibt parallel immer weitere Autoren, die man ebenfalls innig liebt. Ob Callan Wink, Niña Weijers, Monica Sabolo, Alissa Ganijewa, Daniel Galera oder Alejandro Zambra - wir suchen nach Autoren, deren Werk wir über möglichst lange Zeit begleiten und vermitteln wollen. Und zwar aus völlig unterschiedlichen Begeisterungsgründen: Die eine schätzen wir ihrer rigiden Formstrenge wegen, den anderen wegen seiner agilen Komplexitätsneigungen, wir mögen complicated fun und präzisen Ernst, anarchische Energien und moralische Haltung, so oder so aber Autoren, die unumwunden ihrem Eigensinn folgen. Das suchen wir.

Die Akquise neuer Bücher ist Mannschaftssport. Der Lektor, der allein vor sich hin liest und nach Maßgabe elfenbeinturmhafter Kriterien programmatische Entscheidungen trifft, ist warmherzige Betriebsmythologie, entspricht nicht den Wirklichkeiten, zumindest nicht unseren. Lektoratsarbeit ist ein kontinuierliches Gespräch über mögliche, unmögliche und wirkliche Bücher, ein Gespräch, das wir untereinander führen, aber nicht nur, man redet unentwegt auch mit Kollegen aus befreundeten internationalen Verlagen. Was nicht schwerfällt, die Branche ist klein, es gibt dichten Austausch, zumal über Begeisterungen, ständig machen Empfehlungen die Runde. Wir mailen täglich mit unseren Scouts in New York, London und Barcelona, wir skypen mit wahlverwandten Verlegern in Buenos Aires, Melbourne und Tel Aviv, wir telefonieren mit unseren Autoren, wir lesen die gängigen Magazine und Blogs, und selbst im Urlaub stehen wir ständig in südeuropäischen oder mittelamerikanischen Buchhandlungen herum und schauen, was wir aufgreifen könnten, und schicken uns gegenseitig aufgeregte SMS. Und so finden wir dann manchmal ein Buch, und liegt darin nicht auch ein Glück?

Frank Wegner
(44, Lektor im Suhrkamp-Verlag)

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