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Junge Lektoren über ihre Arbeit : Wie findet man den nächsten Thomas Mann?

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Es ist der letzte Tag unserer dreiwöchigen Reise, und an jedem einzelnen davon habe ich eine Buchhandlung besucht. Na gut, es waren wohl eher drei pro Tag. Ich arbeite seit sieben Jahren in einem Verlag, und die Manuskripte finden ihren Weg in mein E-Mail-Postfach über ein mir wertvolles Netzwerk aus Autoren des Hauses, unseren Scouts in England und den Vereinigten Staaten oder Literaturagenten. Ich besuche Wettbewerbe oder behalte die Schreibinstitute im Auge. Trotzdem: Es ist mir, gerade im Ausland, geradezu körperlich unmöglich, an einer schönen Buchhandlung vorbeizugehen. Das Flohmarktgefühl: Besonders in den kleinen, liebevoll kuratierten Shops habe ich die Hoffnung, irgendwo dahinten im Regal könnte der eine große Überraschungsbestseller auf mich warten. Vielleicht liegt das daran, dass ich von Literatur vor allem auch überrascht werden will. Sie soll mir eine Geschichte aus einer Perspektive erzählen, aus der ich die Welt noch nie betrachtet habe, in einer Sprache zu mir sprechen, die ich vorher noch nicht gehört habe - und die doch etwas in mir zum Schwingen bringt.

Als wir im Flieger sitzen, knurrt mein Magen. Ich habe keine cage-free hard cooked eggs and thinly sliced chives mixed in honey mustard aioli with dressed arugula in a warm brioche bun mehr gegessen. Aber auf meinem Schoß liegen zwei Bücher: William Kent Kruegers wunderschöne und unheimlich spannende Geschichte über einen Sommer im Jahr 1963 wird 2017 bei Piper erscheinen. Und wie bitte hätte ich sonst erfahren, dass Bill Murray ein Buch über das Golfen geschrieben hat? Die Salzcracker, die die Flugbegleiter verteilen, schmecken himmlisch.

Anvar Čukoski
(34, Lektor im Piper-Verlag)

Frank Wegner ist Lektor bei Suhrkamp
Frank Wegner ist Lektor bei Suhrkamp : Bild: Matthias Lüdecke

Wenn schon, denn schon

Ich gebe zu: Für mich sind nicht ausschließlich die klassischen Parameter Plot, Stil, Sound, Sprache relevant, meine heimliche Neugier gehört dem Paratext: Was passiert um das Buch herum? Welche geheimen Botschaften lassen sich aus Widmung und Danksagung generieren? Was macht den Autor/die Autorin aus?

Gerade ist in den Vereinigten Staaten ein Debüt einer in New York lebenden kamerunischen Autorin erschienen, Imbolo Mbues „Behold the Dreamers“. Die Autorin ist vor zehn Jahren nach Amerika ausgewandert, um dort ein besseres Leben zu führen als zuvor in Kamerun, wo sie in sehr ärmlichen Verhältnissen aufwuchs. Sie studierte und jobbte in New York, bis sie aufgrund der Bankenkrise ihre Arbeit verlor. Da beschloss sie, einen Roman zu schreiben. Imbolo Mbue hat nicht Creative Writing oder Literatur studiert, sie ist Autodidaktin, was für die amerikanische Literaturszene sehr außergewöhnlich ist. Literatur hatte ihr immer geholfen, sich in eine bessere Welt zu träumen, also wollte sie es selbst versuchen. Mit dem fertigen Manuskript marschierte sie, hochschwanger, zu Jonathan Franzens Agentin, weil „Wenn schon, denn schon!“. Doch die Tür blieb ihr verschlossen. Die Geschichte wäre aber keine gute, hätte Imbolo Mbue nicht so lange an Susan Golombs Tür geklopft, bis die sich erweichen ließ, ihren Roman zu lesen. Er wurde in Amerika für eine Million Dollar verkauft (zusätzlich in 13 weitere Länder) - eine Rekordsumme für eine afrikanische Autorin. Sony Tristar hat die Filmrechte gekauft, George Clooney ist der Produzent. „Das geträumte Land“ erscheint im Februar 2017 bei Kiepenheuer & Witsch, und auch wenn ich von dem Roman gleich begeistert war, ist es die Geschichte der Autorin (die übrigens, Sie ahnen es, viel mit dem Roman zu tun hat), die ich wieder und wieder erzähle, weil sie außergewöhnlich und mutig ist. Das braucht die Literatur, das brauchen wir doch gerade alle: Mut und außergewöhnliche Geschichten. Geschichten, die uns angehen, die unseren Horizont erweitern, die etwas bei uns in Gang setzen, was über den reinen Unterhaltungswert hinausgeht. Diese Geschichten gilt es zu finden - ob über Scouts, Literaturagenten, in Tweets, auf Instagram, in der Tages- oder Wochenzeitung. Und ja, ich sage es mal ganz deutlich: Auf Instagram und Twitter lässt sich Literatur finden. Schauen Sie sich die Tweets von Sibylle Berg an oder den Instagram-Account von Miranda July! Kunst! Literatur!

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