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Junge Lektoren über ihre Arbeit : Wie findet man den nächsten Thomas Mann?

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Anvar Čukoski, Lektor bei Piper
Anvar Čukoski, Lektor bei Piper : Bild: Rabea Edel

Ich finde, ich suche nicht

Wie schaffen es die anderen bloß, einfach so zu leben? Was essen sie, wie schlafen sie, wie trinken sie ihren Kaffee, wie richten sie ihre Wohnungen ein, wie schaffen sie es, Sport zu treiben und das Rauchen aufzugeben und eine Affäre anzufangen? Wie fühlen sie sich, wenn sie mit depressiven Müttern aufwachsen, wenn ihre kleine Schwester bei einem Unfall stirbt, wenn ihr Vater Alkoholiker ist, wenn sie ihre Familien verlassen, wenn sie eine neue Identität annehmen, wenn sie in einen Krieg geraten, wenn sie fliehen müssen, wenn sie kein Geld haben, sich ein Brot zu kaufen, wenn sie auf der Straße leben, wenn sie gemobbt werden, wenn sie Angst haben, wenn sie geschlagen und gedemütigt und verlassen und verstoßen werden?

Ich möchte Romane lesen, die mir all diese Fragen beantworten, die ganz kleinen und die ganz großen. Ich möchte die Figuren in diesen Romanen wie lebendige Menschen betrachten können. Ich möchte, dass die Lektüre dieser Romane wie eine Begegnung ist, eine intime, durchs Mark gehende emotionale und ästhetische Begegnung. Ich möchte, dass das Schreiben dieser Romane eine Notwendigkeit ist und keine Berechnung. Ich möchte Romane lesen, deren Sprache einen Rhythmus hat, dem ich mich hingeben kann, ich möchte schrullige Romane lesen, ich möchte gewagte und exzentrische Romane lesen. Ich möchte erste Sätze wie diesen hier lesen: „Mein Name ist Lionel Savage, ich bin zweiundzwanzig Jahre alt, ich bin Dichter und ich liebe meine Frau nicht.“ Was ist das für ein Name? Warum bezeichnet er sich in solch jungen Jahren schon als Dichter? Und warum bloß liebt er seine Frau nicht? Das alles will ich wissen, also lese ich weiter. Niemals aber werde ich vorher benennen können, wonach ich eigentlich suche, wie und von wem diese Texte geschrieben sein, wovon sie handeln sollten.

Wie die Literatur zu mir kommt? Das wiederum ist eine eher langweilige Frage. Sie kommt von allen Seiten zu mir, Hunderte, Tausende von Manuskripten, die mir von Agenturen geschickt werden, von ausländischen Verlagen, von Scouts und Kollegen, von Literaturzeitschriftenredakteuren, von Autoren, die andere Autoren empfehlen, von Freunden und Bekannten, von Taxifahrern und Kneipenbesitzern und von Wildfremden. Es werden definitiv zu viele Bücher geschrieben und veröffentlicht. Denn jeder, wirklich jeder scheint irgendwo in sich den Wunsch zu hegen, sich schreibend Ausdruck zu verschaffen. Manchmal hilft man jemandem, einen Roman zu schreiben, der es alleine nicht gekonnt hätte. Und wenn es dann ein gutes Buch wird, eines, das zumindest ein bisschen das Universelle erreicht, dann hat man etwas vollbracht. Aber das kommt selten vor. Die meiste Zeit über gilt es einfach nur, nicht den Mechanismen zu erliegen. Der Literaturbetrieb ist sehr professionell geworden.

Lina Muzur
(36, Leiterin des Literaturlektorats beim Aufbau-Verlag)

Mona Lang, Lektorin bei Kiepenheuer & Witsch
Mona Lang, Lektorin bei Kiepenheuer & Witsch : Bild: Denis Pfabe

Bill Murray spielt Golf

Bücher kann man nicht essen. Wir stehen in Downtown L. A., in weniger als drei Stunden geht unser Rückflug, und die Schlange vor dem Restaurant namens „Eggslut“, das ausschließlich Schweinereien serviert, in denen Eier in unterschiedlichen Aggregatzuständen eine Rolle spielen, ist so lang, dass es knapp werden könnte. Wir beschließen, ein wenig herumzulaufen, in der Hoffnung, dass es in einer Stunde besser aussieht. Und außerdem - könnten wir dann nicht eben doch noch in diesen Bookshop gehen, den wir auf dem Weg gesehen haben?

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