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Junge Lektoren über ihre Arbeit : Wie findet man den nächsten Thomas Mann?

  • Aktualisiert am

Tom Müller
(33, Lektor beim Blumenbar-Verlag)

Lina Muzur, Lektorin bei Aufbau
Lina Muzur, Lektorin bei Aufbau : Bild: Christian Werner

Die schlaue Boygroup

Im Frühling war ich aus Spaß in New York. Es ist wichtig, den Spaß zu betonen, denn New York ist, wenn man nach Büchern sucht, kein sehr origineller Ort. Eines Abends ging ich aus Gründen, die eher in die „Bravo“ gehören, zu einer Veranstaltung, die Karl Ove Knausgård und Christian Kracht auf ein Podium bringen sollte, eine Art Boygroup in schlau, dachte ich. Was dabei hübsch in den Hintergrund gerückt war: Rockstars haben in der Regel eine Vorband, in diesem Fall ein junger, schüchterner norwegischer Autor, der am Nachmittag offenbar in der Sonne eingeschlafen und entsprechend derangiert war. Sein Name ist Johan Harstad, er hielt einen Backstein in der Hand, an dem er sieben Jahre gearbeitet hat. Die Passage seines Romans erzählte von Max und seiner einsamen Mutter, die ihn mangels Alternativen zu ihrem Gesellschafter macht. So weckt sie seine Leidenschaft fürs Theater und drückt ihm vor jeder Vorstellung eine Apfelsine in die Hand. Wenn ihm die Aufführung nicht gefalle, dürfe er sie werfen, ansonsten solle er sie essen, sagt sie. Er wirft die Apfelsine nie, zerdrückt sie höchstens vor Aufregung in seiner Hand. Nachdem Harstad eine Seite vorgetragen hatte, wusste ich nicht mehr, dass ich eigentlich wegen K und K gekommen war, nach vier Seiten googelte ich schon den Kontakt zu seinem Verlag.

Was ich damit sagen möchte: Natürlich hat jeder Lektor einen ausgeklügelten Plan, welche Veranstaltung es zu besuchen, welche Literaturzeitschriften es zu lesen, welche Talente es im Auge zu haben und welche Agenten es bei Laune zu halten gilt. Und ich wette und fürchte: Unsere Pläne unterscheiden sich nicht sehr. Das ist aber egal, weil letztlich immer magischer Zufall Perlen in unsere Hände spielt: ein Text, auf den wir nach sieben angelesenen Manuskripten schon keine Lust mehr hatten, ein Autor, der nach dem fünften Mittagessen in drei Jahren den Blick auf eine brillante Seite zulässt. Und manchmal eben auch: ein Abend in einer Stadt, die ich keinesfalls big apple nennen will.

Das ist vielleicht auch das, was die Suche nach einem Buch so schwierig macht: Magie und Pläne vertragen sich schlecht. Wir alle suchen nach Texten, die eine ganz neue, mutige Sprache sprechen, dabei aber keineswegs sperrig und spröde sind. Nach lustigen und gefühlvollen Büchern, die einen Orangen zerdrücken lassen. Nach Autoren, die sich wirklich für Menschen interessieren. (Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass Empathiefähigkeit die Schlüsselqualifikation eines jeden guten Autors ist.)

Max, Mischa und Mordecai, die Protagonisten aus Harstads Roman, sind Figuren, die man auch nach 1200 Seiten nur sehr, sehr ungern wieder verlässt. Das Gute ist: Wir müssen es auch nicht. Harstads Roman erscheint im Frühling 2019 bei Rowohlt.

Diana Stübs
(36, Lektorin beim Rowohlt-Verlag)

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