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Junge Lektoren über ihre Arbeit : Wie findet man den nächsten Thomas Mann?

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Autoren gehen auf Schreibschulen, werden bei Preisen oder durch Stipendien, spätestens in einer der vielen Literaturzeitschriften sichtbar. Und wenn sie der Lektor übersieht, ein Literaturagent bemerkt sie sicher. Ein paar Wochen darauf, eine Unterschrift später, und schon sind sie Teil des Systems, ihr Name vervielfältigt in den Prüflisten der Verlage, gerankt nach Genre, Thema, Zielgruppe, Referenztiteln. Den internationalen Markt durchkämmen Scouts, man beobachtet Verkaufszahlen, notiert Rezensionen. In den meisten Fällen ist Büchermachen keine Kunst, es ist Management. Man muss gut vernetzt und sehr schnell sein. In einigen Fällen aber ist es anders. Denn das Buch hat doch eine feine Besonderheit: In der Bewertung bleibt immer ein nicht quantifizierbarer Rest zurück. Glücklicherweise. Han Kangs „Die Vegetarierin“ hatten viele schon abgesagt, als ich im Herbst 2015 Max Porter in London besuchte, ihren englischen Lektor. Seiner Begeisterung nachzuspüren war ein starker Antrieb, das Buch gleich auf dem Rückflug zu lesen. Im Frühjahr gewann sie den Man Booker International, seit August ist das Buch im Handel, mit großem Erfolg. Es hat sich gelohnt. Im Nachhinein kann man das immer sagen.

Das gilt auch für Philipp Winklers Romandebüt „Hool“. Es war ein Montagmittag im August, die Sonne scheint, irgendwo heult eine Polizeisirene, Alltag am Moritzplatz, als die Mail eintrifft: „Hool“ - nominiert für den Deutschen Buchpreis. Auf einmal hat man alles richtig gemacht, auf einmal sieht man alles vor sich, jeden Schritt, minus die Ungewissheit: Den Moment, als der Agent das erste Mal von dem Roman im Hooligan-Milieu spricht. Es ist Frühjahr 2015. Ich denke: Hooligans, prügelnde Fleischklopse, Randgestalten der Zivilgesellschaft, Terra incognita, aber auch ein schwer deformierter Rest von archaischen Riten.

Ich weiß, das Thema wurde in Deutschland noch nie aus literarischer Perspektive bearbeitet. Jetzt will ich lesen. Aber es dauert etwas. Im Sommer treffe ich den Agenten immer mal wieder und frage nach, wir trinken Bier. Kurz vor der Frankfurter Buchmesse, an einem Freitag, kommt das Manuskript. Am Montag sitzen wir zusammen. Gunnar Cynybulk, der Verlagsleiter, hat es an einem Tag durchgelesen und ist begeistert. Winkler hat uns überzeugt. Mutig, ausgewogen, durchdacht, originell. Aber wir sind nicht die einzigen Interessenten. Wie hoch wollen wir bieten?

Diana Stübs, Lektorin bei Rowohlt
Diana Stübs, Lektorin bei Rowohlt : Bild: Katrin Kroll

Debüts sind immer beides: großes Versprechen, schwer kalkulierbares Risiko. Sie umweht ein Hauch von Georg Forster und James Cook. Wir treffen den Autor und seinen Agenten auf der Messe, Ristorante „Il Classico“. Wir müssen beweisen, dass wir seinen Roman verstanden haben, aber auch zeigen, wo und wie wir noch was rausholen können. Wir verstehen uns gut, der Stallgeruch stimmt. Wir machen unsere Begeisterung deutlich: Spitzentitel, Leseexemplar - das ist der Jargon. Es passt. Was folgt, ist harte Arbeit: am Text, am Cover, an der Strategie, beim Überzeugen der Vertreter, der Kritiker, der Blogger, der Buchhändler. Zwischendurch die obligatorische Frage: Ist es der richtige Titel? Ja. Im Nachhinein hat man alles richtig gemacht. Im Nachhinein ist man noch immer kein Entdecker, aber doch der Wegbereiter für einen Autor und seine Expedition in die literarische Welt.

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