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Jugendliteratur : Im Reich zwischen Leben und Tod

In „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ mit Daniel Radcliffe sieht der Raum zwischen Leben und Tod aus wie der Bahnhof King’s Cross. Bild: Warner Bros.

„Harry Potter“, „Tintentod“, Marishas Pessls „Niemalswelt“ und viele andere: Aktuelle Kinder- und Jugendbücher spielen verblüffend häufig in einem Reich zwischen Leben und Tod. Warum sind solche Bücher so beliebt?

          Fünf Jugendliche feiern ohne Eltern in einem Ferienhaus, dann setzen sie sich ins Auto und fahren auf der engen Küstenstraße. Einem entgegenkommenden Laster weichen sie gerade noch aus. Sie kehren ins Ferienhaus zurück und feiern weiter. Bis plötzlich ein Unbekannter vor der Tür steht und sie darüber informiert, dass sie alle tot sind, gestorben beim Zusammenstoß mit dem Laster. Oder jedenfalls fast: Sie befinden sich in einem Schwebezustand zwischen Tod und Leben, dazu verdammt, den vergangenen Tag immer aufs Neue durchzustehen, so lange, bis sie einen aus ihrer Mitte auswählen, der weiterleben darf. Die übrigen vier aber werden dann endgültig gestorben sein.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          So setzt „Niemalswelt“ ein, der erste Jugendroman der amerikanischen Bestsellerautorin Marisha Pessl, und auf den folgenden 350 Seiten steht dann für alle anderen die Zeit still, während die Erzählerin Bee zunehmend verzweifelt einen Weg aus dem Dilemma sucht und dafür die eigene Vergangenheit und die ihrer Freunde ergründet. Sie stößt auf ein Geflecht aus Lügen und Verrat, wo sie eigentlich Sympathie und Offenheit erwartet hatte, und die Frage, was diese Gruppe eigentlich zusammengehalten hatte, erfährt immer düsterere Antworten. Die jetzige Situation aber erfordert eine einvernehmliche Entscheidung, für die rationale Kriterien erst einmal gefunden werden müssen: Wer soll, wer darf nach dem Willen der anderen überleben? Und warum gerade er?

          Marisha Pessls Buch, das in diesem Frühjahr erschienen ist, steht nicht allein unter den aktuellen Kinder- und Jugendbüchern – weder, was allgemein die jähe Begegnung jugendlicher Protagonisten mit dem Sterben angeht, noch im Speziellen mit seinem Setting zwischen Leben und Tod. So erlebt etwa ein Sechzehnjähriger namens Red, der einen Selbstmordversuch unternommen hat, im Roman „Der Rüberbringer“ von Tankred Lerch eine Art positive Möglichkeitsform des Lebens, das er aufgegeben hat, angeleitet von einer Figur, die nur er selbst sehen kann und die ihn zur Renitenz anstachelt. Dass mit seinem Zustand nach dem gerade noch abgewendeten Suizid etwas nicht stimmen kann, ist Red klar, und sein Begleiter, eben der „Rüberbringer“, geht mit ihm die möglichen Zustände durch, in denen sich Red gerade befinden könnte: „Vielleicht bist du ja auch tot?“, sagt er, „und alles ist irgendwie wie vorher, als wärst du lebendig – Arschkarte komplett.“

          Marisha Pessls „Niemalswelt“ ist bei Carlsen erschienen. Bilderstrecke

          Bin ich nun tot oder nicht?

          Das Rätseln über die eigene Existenz, Tote, die nicht erkennen, dass sie tot sind, und schließlich ein mitunter zwielichtiger Begleiter für jene Seelen im Ungewissen – all das kennt man auch aus Büchern oder Filmen, die sich an Erwachsene richten. Natürlich steht für den Cicerone auf dem Weg vom Diesseits zum Jenseits der antike Fährmann Charon Pate, auch er ein „Rüberbringer“, dessen Aufgabe in einer als schicksalshaft gedachten Welt wie der griechischen Mythologie naturgemäß dort problematisch wird, wo der Tod des Protagonisten als zu früh erscheint, also vor dem durch die drei Moiren bestimmten Moment. Ein ferner Abglanz davon findet sich im Film „Zwischen zwei Welten“ von 1944, in dem Paul Henreid einen Pianisten in London spielt, der sich während des deutschen Bombardements gemeinsam mit seiner Gefährtin das Leben nimmt, indem er bei geschlossenen Zimmerfenstern den Gashahn aufdreht. Plötzlich finden sich beide auf einem großen Passagierschiff wieder, das sie, wie sie glauben, nun doch ins ersehnte Exil nach Amerika bringt. Erst allmählich erkennen sie, dass sie auf einem Totenschiff sind und dass der Stewart als Selbstmörder dazu verdammt ist, diese Überfahrt bis in alle Ewigkeit zu machen, mit immer neuen Toten. Schließlich erwachen sie in ihrer Wohnung zu neuem Leben – eine Bombe ließ die Fensterscheibe zersplittern und das Gas entweichen.

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