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Judith Schalansky : Miniaturen des Weltganzen

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Die ganze Vielfalt der Schöpfung: In der Dauerausstellung des Landesmuseums Darmstadt. Bild: Picture-Alliance

Das Buch ist der ideale Aufbewahrungsort für alles, was verloren ist. Eine Dankesrede über Wunderkammern, Naturalienkabinette und was diese mit dem Schreiben zu tun haben.

          Im Braunschweiger Herzog Anton Ulrich-Museum stand viele Jahre, ja Jahrzehnte und noch während meines letzten Besuchs in Braunschweig während meines Studiums Anfang der nuller Jahre, ein mannshoher Kunstkammerschrank, in dem allerlei Dinge ganz unterschiedlicher Herkunft und Bestimmung wie in einem überdimensionierten Setzkasten angeordnet waren. Zu den darin aufbewahrten Raritäten gehörten unter anderem: zwei Straußeneier, deren Gravuren die heilige Dreifaltigkeit, das Weltgericht sowie die Himmel- und Höllenfahrt Christi zeigen; ein äffchengroßer, menschlicher Totenschädel aus Elfenbein mit beachtlichen Zahnlücken, die seine Wirkung nur noch naturalistischer macht; die Miniatur eines Schubladenschranks mit Intarsien aus buntem Stroh; ein ebenfalls aus Stroh gefertigtes Kartenspiel; eine kleine, in Silberfiligran gefasste Sanduhr mit Wespentaille; ein herzförmiger Anhänger mit einer Blumenstickerei aus gefärbtem Elch-Haar; ein Zweig mit Kirschen aus angemaltem Wachs; zwei Deckelhumpen, einer aus Rhinozeroshorn, der andere aus Maserholz mit einer geschnitzten Sirene als Henkel, die sich eine bärtige Maske vor den Schoß geschnallt hat; ein winziges Notizbüchlein mit Pergamentseiten, auf denen noch die Reste von Silberstift-Eintragungen zu erahnen sind; das Horn eines Einhorns, in dem einige Unbelehrbare nur den ausgehöhlten Zahn eines Narwals sehen; ein Zahnstocher aus zart schimmerndem Perlmutt sowie als Hauptblickfang, ganz in der Mitte des Schranks, ein elfenbeinerner Pokal, auf dessen rundem, gedrehtem Fuß ein Atlas steht, der hier nicht wie üblich die Erdkugel auf seinen Schultern trägt. Vielmehr scheint er dankbar eine Säule zu umklammern, die an seiner Stelle diese schweißtreibende Arbeit übernommen hat.

          So zusammengewürfelt und disparat die Fund- und Kunststücke auch wirkten, so behauptete dieser Dielenschrank, nichts weniger zu sein als eine kleine, komprimierte Weltordnung. Ihr Zusammenspiel folgt jener alten Ganzheitsvorstellung der Kunst- und Wunderkammer, in der zwischen Gefundenem und Gemachtem, also zwischen Naturalien und Artifizialien, nicht unterschieden wird, solange sie nur das Staunen erregen, Bewunderung, Verwunderung oder gar Entsetzen hervorrufen, die Schaulust befriedigen ebenso wie den Wissensdurst. Als Miniaturausgabe des Weltganzen bewiesen sie nichts Geringeres, als dass die Schöpfung kunstvoll erdacht, ja selbst Kunst war und sogar in ihren monströsen Abweichungen nur ihre ungeheuerliche Vollkommenheit offenbarte.

          Das Versprechen einer solchen Ordnung ist es, das mich so fasziniert, der kühne und rührende Glaube, die Welt könnte sortiert und abgebildet werden und ihre nahezu unendlich vielgestaltigen Phänomene würden in den Regalfächern eines Dielenschranks Platz finden.

          „Raritäten unterschiedlicher Art“

          Nun sind Sammlungen im wahrsten Sinne des Wortes konservativ, aber auch utopisch: Wer sammelt, der strebt nach Vollständigkeit und nach Systematisierung, zwei Ideale, die so unerreichbar sind wie jener theoretische Punkt im Unendlichen, an dem sich zwei Parallelen angeblich schneiden.

          Autorin und Buchgestalterin Judith Schalansky

          Offenbar handelt es sich beim Sammeln um eine anthropologische Konstante. Als Mutter einer vierjährigen Tochter kann ich jedenfalls aus eigener Erfahrung berichten, dass die obsessive Sammelwut schon im Kleinkindalter ungeahnte Ausmaße annehmen kann. Mit größter Entschlossenheit werden da glänzende Eicheln, verkohlte Zapfen, abgeblätterte Platanenrinde, herkömmliche Steine, schimmernde Muscheln, aber auch ranzige Fellbüschel oder mit getrocknetem Blut verklebte Federn, Spiegelglassplitter, einzelne Ohrringe oder Stanniolpapier in den elterlichen Bau geschleppt. Fast wirkt es so, als ob damit ein Stück weit die Zivilisationsentwicklung der eigenen Gattung noch einmal nachvollzogen wird, als fände Haeckels „Biogenetische Grundregel“ – der zufolge jeder Embryo die Entwicklung der Stammesgeschichte durchläuft – nach der Geburt seine Fortsetzung.

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