https://www.faz.net/-gr0-8icby

Judith Kerr und Axel Scheffler : Wenn diese Tür zufällt, geht keine andere auf

„Den Brüsselo gibt es doch gar nicht“: Wenn der Welt ein Monster vorgehalten wird, ist es gut, wenn ein Experte wie die Maus aus Axel Schefflers Kinderbuchklassiker „Der Grüffelo“ die Luft aus dem Popanz lässt. Bild: Axel Scheffler

Sie gehören zu den bedeutendsten Kinderbuchautoren der Gegenwart, beide stammen aus Deutschland und leben in England. Wie wurden Judith Kerr und Axel Scheffler aufgenommen? Und was sagen sie jetzt zur Debatte um den Brexit?

          Frau Kerr, am Dienstag haben Sie Ihren 93. Geburtstag gefeiert. Können Sie sich noch an Ihren zehnten erinnern?

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Judith Kerr: Das war der erste Geburtstag, nachdem wir Deutschland verlassen hatten. Ich fand ihn ein bisschen enttäuschend, weil es keine Kindergesellschaft gab. Wir waren in Küsnacht. An dem Tag wurde mein Vater Alfred Kerr von irgendeiner Schriftstellergemeinde auf eine Dampferfahrt eingeladen. Es war schrecklich, alles Erwachsene, und ich dachte: Na, die Geschenke waren auch nichts.

          In Ihrem Buch „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ zitieren Sie Ihren Vater am Abend dieses Tages mit den Worten: „Wir könnten nach Frankreich gehen. England ist auch sehr schön, aber ein bisschen feucht.“

          Kerr: Ich weiß nicht mehr, ob er das damals wirklich gesagt hat. Ich habe in dem Buch Details erfunden und auch Dinge manchmal etwas dramatisiert.

          Sie waren Flüchtling in der Schweiz, in Frankreich und schließlich in England. Wann kam der Moment, als Sie sagten: Ich bin jetzt hier, und das ist auf Dauer?

          Judith Kerr im Mai 2013 in Berlin

          Kerr: Nach dem Krieg, glaube ich. Damals war ich in einem Internat. Anfangs ging es nicht gut, alles war furchtbar snobbish dort. Aber ich hatte eine Freundin, mit der zusammen ich ein Magazin herausgegeben habe.

          Haben Sie geschrieben oder gezeichnet?

          Kerr: Ich habe immer gezeichnet. Aber ich habe auch Gedichte geschrieben. Auf Deutsch, auf Französisch, auf Englisch. Wo wir eben waren.

          Herr Scheffler, Sie sind mehr als vierzig Jahre später nach England gekommen.

          Axel Scheffler: 1982, ja.

          Wie war damals Ihr Englisch?

          Scheffler: In der Schule sehr schlecht. Ich habe dann ein paar Stunden Privatunterricht genommen. Ich konnte mich verständigen und dem Unterricht in meiner Kunstschule folgen. Meine Ankunft hier war total unproblematisch.

          Gab es Vorbehalte gegen Sie als Deutschen?

          Beim Zeichnen seines Grüffelos: der Illustrator Axel Scheffler

          Scheffler: Die Aufnahme war sehr, sehr freundlich. Ich habe in diesem Lande nie irgendeine Deutschen-Feindlichkeit erfahren. Meine frühere Freundin sagte zwar immer, als ich noch mit einem deutschen Nummernschild am Auto herumfuhr, da würden hinter mir Leute irgendwelche Gesten machen. Aber ich persönlich habe keinerlei Animosität erfahren in all der Zeit, die ich hier war. Ich finde das so großartig!

          Kerr: Ich auch nicht. Den ganzen Krieg über, in London, während im „Blitz“ jede Nacht Menschen starben: kein böses Wort! ANTWORT: Unglaublich, wie die Leute uns geholfen haben. Und meine Eltern sprachen mit deutschem Akzent.

          Scheffler: Es ist wirklich toll in diesem Land. Und ich verstehe nicht, wieso plötzlich die Hälfte der Bevölkerung immigrationsfeindlich und europhobisch ist.

          In der kommenden Woche wird über den Brexit abgestimmt, den Austritt Großbritanniens aus der EU. Wie erleben Sie die Debatte?

          Scheffler: Ich kann gar nicht glauben, was passiert und wie darüber diskutiert wird, mit welcher Unsachlichkeit. Meine erschreckendste Brexit-Anekdote ist, wie ich kürzlich zur BBC eingeladen war. Dort gibt es eine Sendung, in der Menschen aus dem kulturellen Bereich zwölf Stücke klassischer Musik vorstellen können. Ich hatte mich für „Freude schöner Götterfunken“ entschieden. Nicht weil das mein Lieblingsmusikstück wäre, sondern, hatte ich geschrieben, weil mein Leben nicht vorstellbar ist ohne die EU oder ohne Europa. Die haben dann tatsächlich gesagt, obwohl Großbritannien in der EU und das die europäische Hymne ist, könnten sie das erst nach der Abstimmung senden.

          Hat sich die Debatte in den vergangenen Monaten verändert?

          Scheffler: Sie ist eher noch unsachlicher geworden. Und aggressiver.

          Kerr: Ich erlebe das genauso wie du. Es ist so verrückt, wie du sagst. Hoffentlich gehen die jungen Leute wählen. Mein Sohn hat sich damals nach der Schulzeit mit Freunden ein Billet gekauft, mit dem man im Zug durch ganz Europa fahren konnte. Das war wunderbar, das wollten alle tun. Die werden doch nun nicht gegen Europa stimmen, wenn sie überhaupt nur wählen. Ich kenne jedenfalls keinen Menschen, der für den Brexit ist.

          Scheffler: Ich wahrscheinlich auch nicht.

          Trotzdem gibt es laut Umfragen zurzeit eine Mehrheit von etwa 53 Prozent Briten, die dafür ist. Welche Rolle spielt dabei die Flüchtlingsdebatte?

          Scheffler: Darum geht es weniger. Großbritannien lässt ja fast keinen Flüchtling rein. Für die Briten geht es mehr um die Immigrationsfrage, angeblich kommen fünfzig Prozent der hiesigen Migranten aus der EU. Das wird in der letzten Zeit immer in den Vordergrund gerückt. Aber keiner führt dabei ins Feld, wie wichtig Immigration eigentlich ist, was sie zur Wirtschaftsleistung beiträgt. Natürlich gibt es hier Leute, die keine Arbeit finden. Aber als ich gestern Abend zehn Minuten bis zum Kino ging, sah ich gleich zwei Anzeigen in Fenstern, auf denen Kellner gesucht werden. Und zu sagen: Wir machen das Land dicht, keiner kommt rein - wie soll das gehen?

          Kerr: Es ist unmöglich. Die Welt ist doch nicht mehr so.

          Was passiert, wenn die Mehrheit Ja zum Austritt aus der EU sagt?

          Kerr: Ich denke einfach nicht daran. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das passiert. Die machen immer Fehler bei den Umfragen.

          Scheffler: Ich hoffe auf den Common Sense der Briten. Ich glaube jedenfalls nicht, dass die wirtschaftliche Situation besser wird, wie die Brexit-Leute das versprechen. Das beste Argument ist für mich einfach die Perspektive, dass wir in einer Welt leben, in der Riesenprobleme anstehen, die nicht durch Zersplitterung und Nationalismus gelöst werden können. Es gibt natürlich viel, was schlimm ist an der EU. Aber ihr Prinzip hat den europäischen Frieden erhalten in einer Welt, die voller Bedrohungen ist. Wenn man in den achtziger Jahren einem Jugoslawen prophezeit hätte, dass zehn Jahre später Kroaten, Serben und Bosnier gegeneinander Krieg führen würden, hätte der gesagt: Wir haben doch hier ein friedliches, relativ wohlhabendes Land, natürlich führen wir keinen Krieg. Die Gefahr ist groß, und wir müssen unser Europa mit seinen Werten, die wir ja schon irgendwie nicht besonders gut pflegen, einfach erhalten. Das können wir nicht, indem wir auseinanderfallen.

          Herr Scheffler, Sie leben als Deutscher hier in London und haben gemeinsam mit der Engländerin Julia Donaldson die weltweit erfolgreichsten Bilderbücher für Kinder geschrieben. Auch deren Verfilmungen entstanden mit großer internationaler Beteiligung.

          Scheffler: Ja, das ist ein gutes Beispiel für internationale Kooperation. Die Filme stammen von einem britischen Produzenten, der interessanterweise einen deutsch-jüdischen Hintergrund hat; seine Eltern emigrierten aus Berlin. Die ersten drei Filme wurden von einem deutschen Trickfilmstudio in Ludwigsburg gemacht. Und die Musik kommt von einem französischen Komponisten, René Aubry.

          Würde so eine künstlerische Zusammenarbeit schwieriger, wenn es nach einem EU-Austritt neue administrative Hürden gäbe?

          Scheffler: Das kann ich nicht beantworten. Aber das Großartige ist ja, dass Großbritannien im Moment beides hat: Es hat die EU, und es hat den Rest der Welt. Es werden sich jedenfalls keine neue Türen auftun, wenn die Briten jetzt austreten.

          Frau Kerr, sie kannten Schefflers „Grüffelo“, bevor Sie den Künstler kennenlernten. Sehen Sie Parallelen zwischen dieser anarchischen Gestalt und Ihrem berühmten „Tiger, der zum Tee kommt“?

          Kerr: Der Grüffelo ist eine wunderbare Zeichnung. Nicht weil darauf ein Grüffelo oder irgendetwas anderes dargestellt ist. Sondern weil das Bild absolut auf den Punkt ist. Es ist drohend und komisch, es ist einfach großartig. Mein Tiger entstand, nachdem ich mit meiner Tochter im Zoo gewesen war. Mit einer Zweijährigen kann man sich einen Tiger ansehen und sagen: Also das ist ein schreckliches Tier, das beißt und frisst Menschen. Oder man kann ihn einfach anschauen und finden, das sei das Schönste, was man je gesehen hat - die Farben, die Streifen ... Damals war es ein bisschen einsam zu Hause. Ich habe versucht, meiner Tochter Geschichten zu erzählen. Und ich glaube, wir wünschten uns beide, dass irgendjemand mal käme. Ich dachte: Ein Tiger wäre doch schön. Und sie fand das auch.

          Herr Scheffler, wann sind Sie mit Judith Kerrs Büchern in Kontakt gekommen?

          Scheffler: Die Bilderbücher habe ich erst in England kennengelernt. Das „Rosa Kaninchen“ war mir ein Begriff. Ich habe es aber erst jetzt gelesen, letztes Jahr mit meiner Tochter. Es hat uns beiden sehr, sehr gut gefallen.

          Als Künstler profitieren Sie beide vom reichen englischen Kinderbuchmarkt.

          Kerr: England ist immer ein großes Land gewesen für Kinderbücher. Ich habe erst, als ich nach England kam, gemerkt. dass die Bücher, die ich in Deutschland gelesen hatte, meistens Übersetzungen aus dem Englischen waren, etwa „Tom Sawyer“ oder „Oliver Twist“. Als mich in Deutschland meine Mutter einmal fragte, was ich mir zu Weihnachten wünschte, bat ich sie um eine Schulgeschichte. Sie kam dann zurück mit einem Buch, dem besten, wie sie sagte, das sie finden konnte. Die erste Geschichte handelte von zwei Mädchen, denen man verboten hatte, ein Ruderboot zu benutzen. Sie nahmen es trotzdem und ertranken.

          Scheffler: Sehr moralistisch deutsch.

          Kerr: Ja, aber das ist lange her. Hat man dir als Kind eine Gute-Nacht-Geschichte erzählt oder vorgelesen?

          Scheffler: Ich habe vage Erinnerungen, dass meine Mutter mir Grimmsche Märchen vorgelesen hat. Aber es gab kein Ritual des nächtlichen Vorlesens.

          Kerr: Bei mir auch nicht so, vielleicht, weil mein Vater als Kritiker immer ins Theater gehen musste und meine Mutter mit ihm ging. Aber in Paris hat er uns, wenn meine Mutter gerade nicht da war, jede Nacht die Geschichte einer Oper erzählt. Das war wunderbar.

          Es gibt ein berühmtes Zitat von Ihrem Vater, der gefragt wurde, was er am liebsten mache.

          Kerr: Kindern „gute Nacht“ sagen ...

          Scheffler: Oh wie schön!

          Kerr: ... und Krach.

          Frau Kerr, Ihr Buch „Mister Cleghorn’s Seal“ erscheint demnächst auf Deutsch. Trägt dieser Albert Seal Züge Ihres Vaters? Auf Ihren Bildern sieht er ihm jedenfalls ähnlich.

          Kerr: Albert ist ein ganz anderer Mensch als mein Vater. Aber es ist eine so gute Geschichte, wie mein Vater das gemacht hat, damals mit dem Seehund. Als sie mit dem Zug aus der Normandie nach Berlin fuhren, hat er immer probiert, diesen mitgebrachten Seehund mit Milch und Tran zu füttern. Als sie dann in Berlin ankamen, spät am Abend, war die Milch aufgebraucht. Er ist mit dem Seehund im Taxi in ein Restaurant gefahren und hat Milch für ihn bestellt.

          Scheffler: In den wilden Zeiten ist wahrscheinlich in Berlin nicht aufgefallen, ob da ein Seehund mit am Tisch sitzt.

          Demnächst erscheint eine neue, sehr umfangreiche Biographie über Ihren Vater von Deborah Vietor-Engländer. Haben Sie das Manuskript schon gesehen?

          Kerr: Ich habe die Passage über die Emigration gelesen. Es war völlig erschütternd. Ich habe auch die Briefe gelesen, die er schrieb, nachdem er aus Deutschland weggekommen war. Er hat doch alles so gut vorausgesehen, aber nicht verstanden, wie hoffnungslos das war. Das „Berliner Tageblatt“ schuldete ihm noch Geld. Er schrieb an die Redaktion, dass er doch nicht den Rechtsweg beschreiten wolle. Selbst er wusste nicht, dass es einfach gar kein Recht mehr gab.

          Scheffler: Wie siehst du die Haltung deiner Eltern, jetzt, wo, wie du sagst, die Feststellung, wie verzweifelt sie wirklich waren, nachträglich so erschütternd ist? Heutige Flüchtlinge habe oft keine Wahl, die sitzen im Schlamm in Mazedonien und können ihren Kindern gegenüber nicht so tun, als wäre alles in Ordnung.

          Kerr: Meine Eltern haben es genau richtig gemacht. Sie sagten uns einfach: Also jetzt sind wir in Frankreich, da müsst ihr Französisch lernen. Für meinen Bruder und mich war klar, dass diese Kindheit viel, viel besser und interessanter war, als wenn wir in Deutschland geblieben wären.

          Scheffler: Nicht in Nazideutschland.

          Kerr: Da wäre man nicht elf Jahre alt geworden. Ich habe Riesenglück gehabt.

          Zwei Ikonen der Kinderbuchwelt

          Judith Kerr, geboren 1923 in Berlin, musste mit ihrem Vater, dem Theaterkritiker Alfred Kerr, ihrer Mutter und ihrem Bruder 1933 aus Berlin fliehen. Über die Flucht und die Ankunft in England schrieb sie den Roman „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“, für den sie 1974 mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde. Mit ihrer Bilderbuchserie um die Katze Mog und das Buch „Ein Tiger kommt zum Tee“ sind Generationen britischer Kinder aufgewachsen.

          Axel Scheffler, geboren 1957 in Hamburg, lebt seit 1982 in England. Gemeinsam mit der Autorin Julia Donaldson schuf er zahlreiche Bilderbücher, von denen der „Grüffelo“ das weltweit bekannteste ist. Das Gespräch fand in Kerrs Haus in London statt. (F.A.Z.)

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Gletscher Okjökull : Das Eis verlässt Island

          Die Gletscherschmelze ist ein eindrückliches Merkmal der Klimaerwärmung: Der einstige Gletscher Okjökull auf Island ist heute keiner mehr. Die isländische Ministerpräsidentin appelliert an die Weltgemeinschaft.
          Angestellte von Google und Youtube beim Gay Pride Festival in San Francisco, Juni 2014

          Trump gegen Google : Man nennt es Meinungsfreiheit

          Ohne das Internet wäre Donald Trump wohl nicht amerikanischer Präsident geworden. Jetzt beschwert er sich über politische Ideologisierung bei Google. Aus dem Silicon Valley schallt es zurück.
          Im Jahr 2016 ist es in Kalkutta zwar noch wuseliger, aber die Anzahl der Läden und Fahrzeuge deuten auf einen Entwicklungsfortschritt hin.

          Wohlstand, Gesundheit, Bildung : Der Welt geht es immer besser

          Kurz bevor er starb, hat der schwedische Arzt Hans Rosling noch ein Buch geschrieben. Es hat eine zutiefst erschütternde These: Der Zustand der Welt verbessert sich, doch keiner bekommt es mit. Woran liegt das?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.