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Judith Kerr und Axel Scheffler : Wenn diese Tür zufällt, geht keine andere auf

Herr Scheffler, wann sind Sie mit Judith Kerrs Büchern in Kontakt gekommen?

Scheffler: Die Bilderbücher habe ich erst in England kennengelernt. Das „Rosa Kaninchen“ war mir ein Begriff. Ich habe es aber erst jetzt gelesen, letztes Jahr mit meiner Tochter. Es hat uns beiden sehr, sehr gut gefallen.

Als Künstler profitieren Sie beide vom reichen englischen Kinderbuchmarkt.

Kerr: England ist immer ein großes Land gewesen für Kinderbücher. Ich habe erst, als ich nach England kam, gemerkt. dass die Bücher, die ich in Deutschland gelesen hatte, meistens Übersetzungen aus dem Englischen waren, etwa „Tom Sawyer“ oder „Oliver Twist“. Als mich in Deutschland meine Mutter einmal fragte, was ich mir zu Weihnachten wünschte, bat ich sie um eine Schulgeschichte. Sie kam dann zurück mit einem Buch, dem besten, wie sie sagte, das sie finden konnte. Die erste Geschichte handelte von zwei Mädchen, denen man verboten hatte, ein Ruderboot zu benutzen. Sie nahmen es trotzdem und ertranken.

Scheffler: Sehr moralistisch deutsch.

Kerr: Ja, aber das ist lange her. Hat man dir als Kind eine Gute-Nacht-Geschichte erzählt oder vorgelesen?

Scheffler: Ich habe vage Erinnerungen, dass meine Mutter mir Grimmsche Märchen vorgelesen hat. Aber es gab kein Ritual des nächtlichen Vorlesens.

Kerr: Bei mir auch nicht so, vielleicht, weil mein Vater als Kritiker immer ins Theater gehen musste und meine Mutter mit ihm ging. Aber in Paris hat er uns, wenn meine Mutter gerade nicht da war, jede Nacht die Geschichte einer Oper erzählt. Das war wunderbar.

Es gibt ein berühmtes Zitat von Ihrem Vater, der gefragt wurde, was er am liebsten mache.

Kerr: Kindern „gute Nacht“ sagen ...

Scheffler: Oh wie schön!

Kerr: ... und Krach.

Frau Kerr, Ihr Buch „Mister Cleghorn’s Seal“ erscheint demnächst auf Deutsch. Trägt dieser Albert Seal Züge Ihres Vaters? Auf Ihren Bildern sieht er ihm jedenfalls ähnlich.

Kerr: Albert ist ein ganz anderer Mensch als mein Vater. Aber es ist eine so gute Geschichte, wie mein Vater das gemacht hat, damals mit dem Seehund. Als sie mit dem Zug aus der Normandie nach Berlin fuhren, hat er immer probiert, diesen mitgebrachten Seehund mit Milch und Tran zu füttern. Als sie dann in Berlin ankamen, spät am Abend, war die Milch aufgebraucht. Er ist mit dem Seehund im Taxi in ein Restaurant gefahren und hat Milch für ihn bestellt.

Scheffler: In den wilden Zeiten ist wahrscheinlich in Berlin nicht aufgefallen, ob da ein Seehund mit am Tisch sitzt.

Demnächst erscheint eine neue, sehr umfangreiche Biographie über Ihren Vater von Deborah Vietor-Engländer. Haben Sie das Manuskript schon gesehen?

Kerr: Ich habe die Passage über die Emigration gelesen. Es war völlig erschütternd. Ich habe auch die Briefe gelesen, die er schrieb, nachdem er aus Deutschland weggekommen war. Er hat doch alles so gut vorausgesehen, aber nicht verstanden, wie hoffnungslos das war. Das „Berliner Tageblatt“ schuldete ihm noch Geld. Er schrieb an die Redaktion, dass er doch nicht den Rechtsweg beschreiten wolle. Selbst er wusste nicht, dass es einfach gar kein Recht mehr gab.

Scheffler: Wie siehst du die Haltung deiner Eltern, jetzt, wo, wie du sagst, die Feststellung, wie verzweifelt sie wirklich waren, nachträglich so erschütternd ist? Heutige Flüchtlinge habe oft keine Wahl, die sitzen im Schlamm in Mazedonien und können ihren Kindern gegenüber nicht so tun, als wäre alles in Ordnung.

Kerr: Meine Eltern haben es genau richtig gemacht. Sie sagten uns einfach: Also jetzt sind wir in Frankreich, da müsst ihr Französisch lernen. Für meinen Bruder und mich war klar, dass diese Kindheit viel, viel besser und interessanter war, als wenn wir in Deutschland geblieben wären.

Scheffler: Nicht in Nazideutschland.

Kerr: Da wäre man nicht elf Jahre alt geworden. Ich habe Riesenglück gehabt.

Zwei Ikonen der Kinderbuchwelt

Judith Kerr, geboren 1923 in Berlin, musste mit ihrem Vater, dem Theaterkritiker Alfred Kerr, ihrer Mutter und ihrem Bruder 1933 aus Berlin fliehen. Über die Flucht und die Ankunft in England schrieb sie den Roman „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“, für den sie 1974 mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde. Mit ihrer Bilderbuchserie um die Katze Mog und das Buch „Ein Tiger kommt zum Tee“ sind Generationen britischer Kinder aufgewachsen.

Axel Scheffler, geboren 1957 in Hamburg, lebt seit 1982 in England. Gemeinsam mit der Autorin Julia Donaldson schuf er zahlreiche Bilderbücher, von denen der „Grüffelo“ das weltweit bekannteste ist. Das Gespräch fand in Kerrs Haus in London statt. (F.A.Z.)

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