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Judith Kerr und Axel Scheffler : Wenn diese Tür zufällt, geht keine andere auf

Scheffler: Ich wahrscheinlich auch nicht.

Trotzdem gibt es laut Umfragen zurzeit eine Mehrheit von etwa 53 Prozent Briten, die dafür ist. Welche Rolle spielt dabei die Flüchtlingsdebatte?

Scheffler: Darum geht es weniger. Großbritannien lässt ja fast keinen Flüchtling rein. Für die Briten geht es mehr um die Immigrationsfrage, angeblich kommen fünfzig Prozent der hiesigen Migranten aus der EU. Das wird in der letzten Zeit immer in den Vordergrund gerückt. Aber keiner führt dabei ins Feld, wie wichtig Immigration eigentlich ist, was sie zur Wirtschaftsleistung beiträgt. Natürlich gibt es hier Leute, die keine Arbeit finden. Aber als ich gestern Abend zehn Minuten bis zum Kino ging, sah ich gleich zwei Anzeigen in Fenstern, auf denen Kellner gesucht werden. Und zu sagen: Wir machen das Land dicht, keiner kommt rein - wie soll das gehen?

Kerr: Es ist unmöglich. Die Welt ist doch nicht mehr so.

Was passiert, wenn die Mehrheit Ja zum Austritt aus der EU sagt?

Kerr: Ich denke einfach nicht daran. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das passiert. Die machen immer Fehler bei den Umfragen.

Scheffler: Ich hoffe auf den Common Sense der Briten. Ich glaube jedenfalls nicht, dass die wirtschaftliche Situation besser wird, wie die Brexit-Leute das versprechen. Das beste Argument ist für mich einfach die Perspektive, dass wir in einer Welt leben, in der Riesenprobleme anstehen, die nicht durch Zersplitterung und Nationalismus gelöst werden können. Es gibt natürlich viel, was schlimm ist an der EU. Aber ihr Prinzip hat den europäischen Frieden erhalten in einer Welt, die voller Bedrohungen ist. Wenn man in den achtziger Jahren einem Jugoslawen prophezeit hätte, dass zehn Jahre später Kroaten, Serben und Bosnier gegeneinander Krieg führen würden, hätte der gesagt: Wir haben doch hier ein friedliches, relativ wohlhabendes Land, natürlich führen wir keinen Krieg. Die Gefahr ist groß, und wir müssen unser Europa mit seinen Werten, die wir ja schon irgendwie nicht besonders gut pflegen, einfach erhalten. Das können wir nicht, indem wir auseinanderfallen.

Herr Scheffler, Sie leben als Deutscher hier in London und haben gemeinsam mit der Engländerin Julia Donaldson die weltweit erfolgreichsten Bilderbücher für Kinder geschrieben. Auch deren Verfilmungen entstanden mit großer internationaler Beteiligung.

Scheffler: Ja, das ist ein gutes Beispiel für internationale Kooperation. Die Filme stammen von einem britischen Produzenten, der interessanterweise einen deutsch-jüdischen Hintergrund hat; seine Eltern emigrierten aus Berlin. Die ersten drei Filme wurden von einem deutschen Trickfilmstudio in Ludwigsburg gemacht. Und die Musik kommt von einem französischen Komponisten, René Aubry.

Würde so eine künstlerische Zusammenarbeit schwieriger, wenn es nach einem EU-Austritt neue administrative Hürden gäbe?

Scheffler: Das kann ich nicht beantworten. Aber das Großartige ist ja, dass Großbritannien im Moment beides hat: Es hat die EU, und es hat den Rest der Welt. Es werden sich jedenfalls keine neue Türen auftun, wenn die Briten jetzt austreten.

Frau Kerr, sie kannten Schefflers „Grüffelo“, bevor Sie den Künstler kennenlernten. Sehen Sie Parallelen zwischen dieser anarchischen Gestalt und Ihrem berühmten „Tiger, der zum Tee kommt“?

Kerr: Der Grüffelo ist eine wunderbare Zeichnung. Nicht weil darauf ein Grüffelo oder irgendetwas anderes dargestellt ist. Sondern weil das Bild absolut auf den Punkt ist. Es ist drohend und komisch, es ist einfach großartig. Mein Tiger entstand, nachdem ich mit meiner Tochter im Zoo gewesen war. Mit einer Zweijährigen kann man sich einen Tiger ansehen und sagen: Also das ist ein schreckliches Tier, das beißt und frisst Menschen. Oder man kann ihn einfach anschauen und finden, das sei das Schönste, was man je gesehen hat - die Farben, die Streifen ... Damals war es ein bisschen einsam zu Hause. Ich habe versucht, meiner Tochter Geschichten zu erzählen. Und ich glaube, wir wünschten uns beide, dass irgendjemand mal käme. Ich dachte: Ein Tiger wäre doch schön. Und sie fand das auch.

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