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John Lanchesters Brexit-Roman : Eine Mauer für Großbritannien?

Die Klippen von Dover - noch ohne Mauer Bild: Reuters

Als John Lanchester anfing, den Roman „Die Mauer“ zu schreiben, war Donald Trump noch nicht Präsident – und der Brexit sah aus wie eine Unmöglichkeit. Heute liest man das Buch wie eine Vision. Eine Begegnung.

          7 Min.

          Dass sein neuer Roman jetzt, da er erscheint, eine solche Brisanz haben würde, hat John Lanchester nicht vorhergesehen und nicht geplant. „Jedenfalls nicht absichtlich“, sagt er: „Es fing eigentlich mit einem Traum an. Ich arbeitete vor zwei Jahren an einem anderen Roman, hatte ein bestimmtes Bild im Kopf, das immer wiederkehrte, und schlief darüber ein. Ich träumte von einem Mann, der auf einer Mauer stand, alleine, nachts, an der Küste, den Blick auf das Meer gerichtet. Ich begann, darüber nachzudenken, wer das sein und in welcher Welt er leben könnte. Für mich war es das Bild einer Welt nach einer Klimakatastrophe, also hatte ich das Bild, eine Figur, eine Welt – und begann, ein neues Buch zu schreiben: ,Die Mauer'.“

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ein „langgestrecktes Ungeheuer aus Beton“ ist dieser Schutzwall, der im Roman Großbritannien umgibt, um Eindringlinge abzuwehren. Er ist zehntausend Kilometer lang („dieses Land hat eine Menge Küste“), die Seite, die zum Meer geht, ist fünf Meter hoch und auf der Landseite je nach Beschaffenheit des Geländes von unterschiedlicher Höhe. Alle drei Kilometer gibt es ein Wachhaus, also insgesamt mehr als dreitausend. Es gibt Wälle, Treppen, Kasernen, Ausfahrtschleusen für Boote, Hubschrauberlandeplätze. Alles ist aus Beton und Großbritannien undurchdringlich abgeschottet. Zumindest ist das das Ziel.

          John Lanchester, der 1962 in Hamburg zur Welt kam – die Mutter aus Irland, der Vater ein in Südafrika geborener Banker –, der in Asien aufwuchs, als Journalist beeindruckende Analysen für die „London Review of Books“ und den „New Yorker“ schreibt und mit seinem Roman „Kapital“ über das Leben in der Großstadt in den Zeiten der Finanzkrise vor sechs Jahren auch in Deutschland berühmt wurde, entwirft die Vision einer nahen Zukunft. Sie spielt in einer Zeit nach dem „Wandel“, wie die Klimakatastrophe, die hier schon stattgefunden hat, im Roman vage genannt wird. Es sei ihm nicht so sehr darum gegangen, über den Umweg der Zukunft das zu beschreiben, was gerade passiere, sagt Lanchester, sondern darum, auf die Richtung aufmerksam zu machen, in die wir gehen, den Weg zu zeigen, auf dem wir uns befinden.

          Aber so ist das mit der Literatur: Der Kontext, in dem das Buch nun erscheint, kontaminiert das, was erzählt wird. Ohne dass der Autor selbst es bewusst beabsichtigt hätte, wird der Echoraum größer, entstehen Bedeutungszusammenhänge, die sich in unseren Köpfen verselbständigen. Denn natürlich denkt man bei der Mauer genau jetzt an die Szenen an der mexikanisch-amerikanischen Grenze und an das, was Donald Trump erst diese Woche wieder gesagt hat: Dass er die Grenze mit einer 1400 Kilometer langen Mauer sichern wolle und auf der restlichen Strecke natürliche Barrieren ihren Zweck erfüllen sollen („Wir haben Berge. Und wir haben Flüsse, die brutal und böse sind“). Und dass die Mauer am besten durchsichtig sein müsse, damit Grenzbeamte auf die andere Seite blicken könnten.

          Weil es sich bei Lanchester um einen Wall handelt, der Großbritannien umgibt, und sich sein Roman bei aller Düsternis immerzu auch feinsinnige englische Pointen erlaubt, hat man beim Lesen aber zugleich den Brexit im Kopf, die Kampagnen, die verfahrene Lage nach der Ablehnung des Theresa-May-Vertrags durch das britische Unterhaus in diesen Tagen. „Die Mauer“ ist deshalb nicht gleich ein Brexit-Roman. Doch haben der Brexit und die mit ihm verbundenen Ängste sehr viel mit dem zu tun, was Lanchester verhandelt.

          Der britische Schriftsteller und Journalist John Lanchester

          Zunächst steht da aber erst mal nur dieser junge Mann auf der Mauer, Joseph Kavanagh. Er ist neu in der Mannschaft der „Verteidiger“, die oben in der Kälte für die „Nationale Küstenverteidigungsbefestigung (NKVB)“ arbeiten. Einer von hunderttausend, die sich in zwei Schichten abwechseln. „Wir sind hier, um das Meer zu beobachten“, sagt der Hauptmann zu ihm. Während sie dort mit vom Stillstehen schmerzenden Gliedern in der Kälte Wache halten, sind über ihnen von Zeit zu Zeit Flugzeuge und Drohnen zu sehen, die das Meer nach „Anderen“ absuchen, sie orten und „an Ort und Stelle zur Strecke bringen“. Kavanagh selbst hat diese „Anderen“ noch nie gesehen, ist aber besorgt: „Es war nicht schwer, sich eine schwarzgekleidete Gestalt vorzustellen, die lautlos über die Mauer springt, mit dem Messer in der Hand und Mordlust in den Augen. Jemand, der nichts zu verlieren hat. Keine Warnung. Kein Erbarmen.“ Sie kommen immer in der Nacht, heißt es. Doch passiert erst einmal nichts, weshalb man beim Lesen schon für möglich hält, sie könnten beckettartig gar nicht auftauchen: „Nachts, auf der Mauer, ist die Phantasie dein Feind.“ Man täuscht sich. In Wirklichkeit sind sie längst da, doch weiß das auch Joseph Kavanagh nicht, der nach seiner ersten zweiwöchigen Schicht ohne einen besonderen Zwischenfall zu seinen Eltern nach Hause fährt.

          Lanchester hat als seinen Protagonisten nicht zufällig einen sehr jungen Mann gewählt, einen Stellvertreter für all jene, die – anders als ihre Eltern – „nach dem Wandel“ geboren wurden. Er habe viel gelesen über das, was uns mit dem Klimawandel bevorstehe, erzählt er. Und tatsächlich sind die Szenarien des Weltklimarats ja kein Geheimnis: dass bei einer Erwärmung um vier Grad der Meeresspiegel um mehr als einen halben Meter anstiege, Gebiete und Orte in Küstennähe überfluteten, rund eine Milliarde Menschen davon direkt betroffen wären, darunter die Bewohner von Bangladesch, New York, Bombay, Schanghai und auch Hamburg. „Das würde zu einer massenhaften Migration führen, wie wir sie noch nicht gesehen haben“, sagt Lanchester. Und nicht nur wenn man Kinder habe, stelle sich damit die Frage, welche Welt wir der nächsten Generation überlassen. Im Roman sind „die Alten“ diejenigen, die „es verkackt“ und die Welt „unwiederbringlich ruiniert“ haben. Den Dienst auf der Mauer mussten sie nie leisten, weil es, als sie jung waren, eine Mauer noch nicht gab, sondern stattdessen Strände, von denen sie geradezu besessen sind. Kavanagh beobachtet seine Eltern durch das Fenster von draußen dabei, wie sie, als er das Haus verlässt, um zum nächsten Dienst aufzubrechen, verstohlen zusammen gleich eine Sendung über das Surfen gucken, was sie in seiner Gegenwart nicht getan hätten. Nicht ein einziger Strand ist übrig geblieben, nirgendwo auf der ganzen Welt.

          „Die Anderen“ haben kein Gesicht

          Die Klimakatastrophe und das, was wir mit ihr anrichten, stehen im Fokus des ersten Romanteils. Dann kommen „die Anderen“, mit einem Überfall, der Kavanagh in Panik versetzt und ihn in einen völlig überraschenden und enorm spannenden Konflikt verwickelt, an dessen Ende er (und da sind wir noch lange nicht am Ende des Buchs) sich auf einem Boot ausgesetzt auf dem Meer wiederfindet, jenseits der Mauer: Joseph Kavanagh, ein „Anderer“. Denn das ist die Pointe, auf die Lanchesters Roman hinausläuft: Wer „die Anderen“ sind, ist eine Frage des Standpunkts, weshalb wir im Grunde genommen, vor und hinter Mauern, jenseits von Grenzen und Wällen, an Land und auf hoher See, für diejenigen, die auf uns schauen, gleichermaßen „die Anderen“ sind. Das mag, so formuliert, naheliegend klingen. Lanchester ist unaufdringlich genug, es im Roman nicht ausdrücklich zu sagen, sondern den Effekt dieser Erkenntnis zu provozieren, nicht zuletzt auch dadurch, dass „die Anderen“ in seinem Roman kein Gesicht haben, keine Geschichte, keine besondere Herkunft. Sie sind einfach nur Menschen, wie wir alle.

          Wenn er im Roman diese Vision einer nahen Zukunft entwirft, wie sieht dann John Lanchesters Vision der ganz nahen Zukunft aus? Sein Blick auf Großbritannien morgen? Welcher Brexit? Oder doch kein Brexit? Was wird passieren? Die Briten könnten machen, was sie wollen, sie werden immer ein Teil von Europa sein, egal, wie es jetzt mit der EU stehe, sagt er. Wenn seine eigenen Kinder sein Alter erreicht haben werden, werde Europa sicher eine andere Zusammensetzung, Großbritannien aber immer noch Beziehungen zu ihr haben. Der Brexit liege für ihn irgendwo zwischen Fehler und Katastrophe, dieses Gefühl habe er an dem Tag gehabt, als die Abstimmungsergebnisse feststanden, und er habe es noch. Doch glaube er nicht, dass er etwas sei, das für immer andauern werde, allein schon aus demographischen Gründen.

          Gibt es eine Lösung?

          Was aber wird jetzt passieren? „Ich weiß es nicht, ich habe wirklich keine Vorstellung davon, und das ist fast das Seltsamste an der ganzen Sache. Die Brexit-Verhandlungen laufen jetzt schon so lange, wir haben Mitte Januar, es bleiben nur noch wenige Tage. Ich kenne eine Menge Leute, die im Journalismus arbeiten, in der Politik und in der Wirtschaft, und ihnen geht es nicht anders als mir: Sie haben keine Idee, wohin die Situation jetzt führen wird. Das Problem ist, dass es keine Mehrheit für eine Lösung gibt, keine Mehrheit für den May-Deal, keine Mehrheit dafür, doch in der EU zu bleiben. Wenn Sie mich fragen, wie man da rauskommt: Ich weiß es nicht.“

          Dass man das große zweite Kapitel seines Romans, das mit „Die Anderen“ überschrieben ist, jetzt auch mit dem Brexit in Zusammenhang bringt, verwehrt er einem natürlich nicht. Von außen scheint es beim Brexit vor allem um ökonomische Fragen zu gehen und nicht so sehr um Fragen der Einwanderung. Stimmt das eigentlich?

          Die britische Premierministerin Theresa May: Gibt es eine Lösung?

          „Das ist eine dieser Auseinandersetzungen, in denen beide Seiten eine völlig andere Sprache sprechen und übrigens auch deshalb nicht zueinanderkommen“, sagt John Lanchester. „In der Vote-Remain-Kampagne ging es vor allem um ökonomische Fragen, in der Vote-Leave-Kampagne dagegen mehr um Fragen der Migration.“

          Warum aber blicken so große Teile der britischen Gesellschaft, die die Erfahrung von Einwanderung aus den ehemaligen Kolonien ja schon gemacht haben und sich auf ihre Vielfalt einiges zugutehalten können, mit so viel Angst auf „die Anderen“?

          Das ist der Donut-Effekt

          „In London ist man dafür, in der EU zu bleiben. Aber London ist völlig anders als der Rest Großbritanniens.“ Es sei keine utopische Phantasie, dass in Gebieten, in denen es viele Einwanderer gebe, die Menschen auch für Einwanderung seien. „Das ist geradezu ein geographisches Muster.“ Aber um dieses Gebiet herum gebe es einen Bereich, in dem Menschen leben, die nicht nahe genug dran sind, als dass sie die praktischen Effekte der Einwanderung miterlebten. „Sie reagieren mit Angst. Das ist der Donut-Effekt“, sagt John Lanchester und nimmt auch auf seinen vorhergehenden Roman „Kapital“ Bezug: „So blickt der Rest Großbritanniens auf London, die Hauptstadt, auf den Ort, wo das ganze Geld ist, wo die politische Macht ist, die kulturelle Macht, der Glamour und das größte Level an Vielfalt, und sie denken nicht: Das ist so, wie auch ich lebe. Sie blicken auf etwas vollkommen anderes, das mit ihnen selbst und ihrem eigenen Leben nichts zu tun zu haben scheint. Dann entsteht das Ressentiment. Ein großer Teil derer, die für den Brexit gestimmt haben, sagten sich: ,Scheiß auf London.‘“

          Es gibt in der „Mauer“ eine Stelle, in der ein Boot auf eine Insel im Ozean zusteuert und für diejenigen, die sich auf diese Insel geflüchtet haben, Rettung verspricht. Es ist der Moment, wo man beim Lesen kurz glaubt, denen, die hier „die Anderen“ genannt werden, tatsächlich zu begegnen. Was dann passiert, ist jedoch schrecklicher als alles, was sich zuvor schon abgespielt hat. Wie es sich anfühlt, auf dem Meer rettungslos umherzutreiben, stellt John Lanchester in seinem Roman ergreifend dar. Das Meer ist kein Überlebensraum. Die Mauer ist es auch nicht, genauso wenig wie die Insel. Wie wollen wir leben?, fragt John Lanchester. Und er fragt es dringlich, weil es längst ums Überleben geht.

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