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John Lanchesters Brexit-Roman : Eine Mauer für Großbritannien?

Die Klippen von Dover - noch ohne Mauer Bild: Reuters

Als John Lanchester anfing, den Roman „Die Mauer“ zu schreiben, war Donald Trump noch nicht Präsident – und der Brexit sah aus wie eine Unmöglichkeit. Heute liest man das Buch wie eine Vision. Eine Begegnung.

          Dass sein neuer Roman jetzt, da er erscheint, eine solche Brisanz haben würde, hat John Lanchester nicht vorhergesehen und nicht geplant. „Jedenfalls nicht absichtlich“, sagt er: „Es fing eigentlich mit einem Traum an. Ich arbeitete vor zwei Jahren an einem anderen Roman, hatte ein bestimmtes Bild im Kopf, das immer wiederkehrte, und schlief darüber ein. Ich träumte von einem Mann, der auf einer Mauer stand, alleine, nachts, an der Küste, den Blick auf das Meer gerichtet. Ich begann, darüber nachzudenken, wer das sein und in welcher Welt er leben könnte. Für mich war es das Bild einer Welt nach einer Klimakatastrophe, also hatte ich das Bild, eine Figur, eine Welt – und begann, ein neues Buch zu schreiben: ,Die Mauer'.“

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ein „langgestrecktes Ungeheuer aus Beton“ ist dieser Schutzwall, der im Roman Großbritannien umgibt, um Eindringlinge abzuwehren. Er ist zehntausend Kilometer lang („dieses Land hat eine Menge Küste“), die Seite, die zum Meer geht, ist fünf Meter hoch und auf der Landseite je nach Beschaffenheit des Geländes von unterschiedlicher Höhe. Alle drei Kilometer gibt es ein Wachhaus, also insgesamt mehr als dreitausend. Es gibt Wälle, Treppen, Kasernen, Ausfahrtschleusen für Boote, Hubschrauberlandeplätze. Alles ist aus Beton und Großbritannien undurchdringlich abgeschottet. Zumindest ist das das Ziel.

          John Lanchester, der 1962 in Hamburg zur Welt kam – die Mutter aus Irland, der Vater ein in Südafrika geborener Banker –, der in Asien aufwuchs, als Journalist beeindruckende Analysen für die „London Review of Books“ und den „New Yorker“ schreibt und mit seinem Roman „Kapital“ über das Leben in der Großstadt in den Zeiten der Finanzkrise vor sechs Jahren auch in Deutschland berühmt wurde, entwirft die Vision einer nahen Zukunft. Sie spielt in einer Zeit nach dem „Wandel“, wie die Klimakatastrophe, die hier schon stattgefunden hat, im Roman vage genannt wird. Es sei ihm nicht so sehr darum gegangen, über den Umweg der Zukunft das zu beschreiben, was gerade passiere, sagt Lanchester, sondern darum, auf die Richtung aufmerksam zu machen, in die wir gehen, den Weg zu zeigen, auf dem wir uns befinden.

          Aber so ist das mit der Literatur: Der Kontext, in dem das Buch nun erscheint, kontaminiert das, was erzählt wird. Ohne dass der Autor selbst es bewusst beabsichtigt hätte, wird der Echoraum größer, entstehen Bedeutungszusammenhänge, die sich in unseren Köpfen verselbständigen. Denn natürlich denkt man bei der Mauer genau jetzt an die Szenen an der mexikanisch-amerikanischen Grenze und an das, was Donald Trump erst diese Woche wieder gesagt hat: Dass er die Grenze mit einer 1400 Kilometer langen Mauer sichern wolle und auf der restlichen Strecke natürliche Barrieren ihren Zweck erfüllen sollen („Wir haben Berge. Und wir haben Flüsse, die brutal und böse sind“). Und dass die Mauer am besten durchsichtig sein müsse, damit Grenzbeamte auf die andere Seite blicken könnten.

          Weil es sich bei Lanchester um einen Wall handelt, der Großbritannien umgibt, und sich sein Roman bei aller Düsternis immerzu auch feinsinnige englische Pointen erlaubt, hat man beim Lesen aber zugleich den Brexit im Kopf, die Kampagnen, die verfahrene Lage nach der Ablehnung des Theresa-May-Vertrags durch das britische Unterhaus in diesen Tagen. „Die Mauer“ ist deshalb nicht gleich ein Brexit-Roman. Doch haben der Brexit und die mit ihm verbundenen Ängste sehr viel mit dem zu tun, was Lanchester verhandelt.

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