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Interview zum Bildschirmlesen : Es geht um unsere Einstellung, nicht um die Technik

Eine wichtige Eigenschaft des Lesens im Vergleich zu anderen verbreiteten Formen der Kommunikation ist die Kontrolle des Tempos, mit dem die Information verarbeitet wird. Beim Lesen haben Menschen die Freiheit, vor und zurück zu gehen, je nach der eigenen Einschätzung ihrer Informationsaufnahme. Dies ist anders als beim Hören eines erzählten Texts oder beim Betrachten eines Videos, bei denen es eine Grundeinstellung des Informationstempos gibt. Man braucht einen guten Grund, um in einem Video noch einmal zurückzugehen und zu überprüfen, ob man alle Aspekte verstanden hat. Dazu kommt, dass sie nicht noch einmal überfliegen können, was ihnen schon übertragen wurde, um sich einen Begriff oder eine Abkürzung in Erinnerung zu rufen, wie es beim Lesen geschieht.

Was heißt das für die kognitive Beanspruchung?

Zum Beispiel beim Vergleich von zwei verschiedenen Meinungen zu einem Thema, mit genauen Erklärungen der beiden Standpunkte: Wenn der Leser die Information liest, kann er die Punkte vergleichen, selbst wenn sie in unterschiedlicher Reihenfolge vorkommen, mit einer geringeren Gedächtnisleistung, als wenn die Information als Video oder Audio abgespielt würde. Ich fürchte, habe dafür allerdings keine empirischen Belege, dass dieser Unterschied die Menschen dazu bringt, sich bei Informationsströmen auf die Kernaussage zu konzentrieren, ohne sich eingehender mit versteckter Bedeutung, mit kritischem Hinterfragen, der Verknüpfung mit bereits bestehendem Wissen und anderen Informationsquellen zu befassen.

Jemand hat vertieftes Lesen kürzlich als Leseform bezeichnet, die immer schon nur für eine Elite möglich und wichtig war. Was würden Sie erwidern?

Das ist ein leichter Weg, sich der Herausforderung zu entziehen. Der Satz legt nahe, der Mehrheit der Bevölkerung die Gelegenheit zu Herausforderungen außerhalb ihrer Komfortzone zu versagen, einfach weil eine gewisse Fertigkeit im vertieften Lesen aufwendig und schwer erreichbar ist.

Warum ist das vertiefte Lesen vor allem auf digitalen Geräten in Gefahr?

Unsere Untersuchungen legen nahe, dass die Menschen digitale Geräte mit oberflächlichem Lesen verbinden. Grundsätzlich sehen wir eine Unterlegenheit von Bildschirmen bei Lern- und Problemlöseergebnissen, bei der Selbsteinschätzung der Leistung und der Effektivität im Umgang mit Zeit. Interessanterweise ist das allerdings nicht durchgehend der Fall. In allen unseren Untersuchungen finden wir auch Bedingungen, unter denen sich die unterschiedlichen Lesemedien als gleichwertig erweisen.

Es kommt nicht so sehr auf das Medium an, sondern auf unsere Einstellung?

Unsere jüngste Untersuchung zeigt, dass es am Bildschirm ganz besonderer Aufgabenstellungen bedarf, damit Menschen effektive Problemlösung betreiben, während es auf Papier ihre grundsätzliche Vorgehensweise ist. Wenn eine Aufgabe zum Beispiel als das eigentliche Ziel und nicht als Training zur Vorbereitung auf eine andere Aufgabe vorgestellt wird, erreichen die Menschen am Bildschirm und auf Papier gleiche Werte. In einer früheren Studie konnten wir zeigen, dass die Aufgabe, beim Lesen den Inhalt eines Textes mit Stichwörtern zusammenzufassen, die gleiche Wirkung hat. Es gibt also ganz einfache Verfahren, um die Unterlegenheit des Bildschirmlesens auszugleichen. Allerdings stammen unsere Erkenntnisse aus Untersuchungen mit Studienanfängern im Labor. Sie sind also nur ein erster Schritt. Wir müssen die Bedingungen erforschen, wie solche Verbesserungen auch in alltäglichen Lebenssituationen möglich werden.

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