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Neuer Suhrkamp-Verleger : „Wir haben keine Angst vor Misserfolgen“

Jonathan Landgrebe im Gebäude des Suhrkamp Verlags Bild: Matthias Lüdecke

Suhrkamp hat schwere Zeiten hinter sich. Jetzt gibt es einen Vorstandsvorsitzenden: Jonathan Landgrebe, der zugleich der neue Verleger ist. Wir fragten ihn, ob er es mehr mit den Zahlen hält oder mehr mit der Literatur.

          Herr Landgrebe, ob Sie es wollen oder nicht -–Sie sind jetzt schon und obwohl es von Ihnen noch nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag gibt, in die deutsche Verlagsgeschichte eingegangen. Denn mit dem heutigen Tag sind Sie Vorstandsvorsitzender der Suhrkamp AG, das heißt: der neue Suhrkamp-Verleger. Was ist für Sie überhaupt ein Verlag?

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          In der Sprache der Juristen und Gesetzentwürfe zum neuen Urheberrecht sind Verlage mittlerweile „Verwerter“, „Intermediäre“ oder gar „Formatierer“. Die Dominanz der technologischen Entwicklung lässt offenbar viele glauben, dass eine Mischung aus Geldverdienen und Informationsweiterleitung alles ist, was Verlage machen.

          Das ist aber nicht das Selbstverständnis von Suhrkamp?

          Natürlich nicht. Wir verstehen uns als erste Leser eines Manuskripts. Wir urteilen. Wir unterscheiden. Wir entwickeln und verbessern. Zusammen mit den Autoren arbeiten wir an ihren Texten, geben ihnen Form und Struktur, rücken sie ins Licht. Ob die Leser die Texte schließlich mögen, wissen wir nicht. Aber wir können von uns sagen: Wir lieben dieses Buch. Und indem wir das tun, geben wir den Büchern bei ihrer Veröffentlichung etwas mit auf den Weg, das andere den Weg zu ihnen finden lässt. Das ist genau das Gegenteil von dem, was etwa Facebook oder Google tun. Sie machen Texte verfügbar, jeden Text, aber mehr auch nicht. Sie haben ja sogar Schwierigkeiten, einen rassistischen von einem nichtrassistischen Text zu unterscheiden. Sie wollen es auch gar nicht. Sie stehen für die Allverfügbarmachung von Information, was auch immer diese beinhaltet.

          Haben Sie als promovierter Ökonom keine Berührungsängste mit der Literatur?

          Bei mir war die Liebe zur Literatur zuerst da, dann kam das Studium der Wirtschaftswissenschaften und das kam mir zugute. In Buchverlagen müssen literarische Kompetenz und Geschäftssinn zusammenfinden. Und es ist die Kunst, dies auf gute Weise miteinander zu verbinden.

          Siegfried Unseld war ein Handlungsreisender in Sachen Literatur, der in unaufhörlichem Dialog mit seinen Autoren stand, wie seine Briefwechsel beweisen. Wird es von Ihnen irgendwann auch so etwas geben: den gesammelten E-Mail-Verkehr?

          Der Austausch findet heute auf ganz unterschiedliche Weise statt. Natürlich werden nicht mehr so viele Briefe geschrieben wie damals. Aber der Austausch ist genauso intensiv. Die Zeiten und damit der Umgang mögen sich ändern, aber das Grundprinzip bleibt, dass ein Verlag in engem Austausch mit den Autoren steht.

          Die Herausforderungen der Branche und des Buchhandels sind enorm, vielleicht sogar besonders für Suhrkamp.

          Es werden doch immer noch erstaunlich viele Bücher gekauft. Die Leute lesen. Das ist mir wichtig zu sagen. Der Eindruck, der durch das Internet entsteht, dass nicht mehr gelesen würde, ist einfach falsch. Natürlich stehen wir vor besonderen Herausforderungen durch die Digitalisierung und die Art und Weise, wie Leute heute lesen.

          Lesen sie anders? Wählen sie anders aus?

          Es gibt mehr Spielräume für die Leser, was sie lesen und wie sie auf Bücher aufmerksam werden. Es gibt nicht mehr diesen einheitlichen Raum, in dem der Dialog zwischen Autoren, Verlagen, Buchhandlungen, Feuilletons und Lesern selbstverständlich stattfindet. Deshalb muss man bei jedem einzelnen Buch etwas stärker als früher darüber nachdenken, wie man es vermittelt.

          Ihr Verlag kann durchschnaufen: Der neunjährige Streit mit dem Miteigentümer Hans Barlach, der beispiellos war in der deutschen Verlagslandschaft, ist durch Barlachs Tod an ein unerwartetes Ende gekommen. Was bleibt, wenn Sie zurückschauen?

          Ich glaube, die Auseinandersetzungen haben uns allen noch einmal deutlich gemacht, wofür der Verlag steht. Sie haben ihn in seiner Identität bestätigt und bestärkt. Es wurde in der ganzen Welt sehr genau beobachtet, dass hier ein Verlag, seine Mitarbeiter und auch seine Autoren um etwas kämpfen. Mit Leidenschaft.

          Was denken Sie, warum die Autoren dem Verlag auch in dieser Zeit treu geblieben sind?

          Für diese beispiellose Solidarität sind wir sehr dankbar. Aber es ging ja auch um etwas, es ging um ihren Verlag, es ging um den Verlag, der die Geistesgeschichte der Bundesrepublik wie kein anderer geprägt hat. Das galt es zu bewahren, als da jemand kam, der den Verlag als reines Wirtschaftsunternehmen sehen wollte, ohne Rücksicht auf diese Tradition und ohne Verständnis dafür, dass der Verlag nur so gut sein kann wie die Autoren, die ihm ihre Werke anvertrauen.

          Jetzt treten Sie an die Spitze dieses Verlags, der sich im letzten Dreivierteljahr in einer Art Übergangszeit befand.

          Wir haben diese Zeit gebraucht, um uns neu zu sortieren. Jetzt ist es so weit: Die Verlage sind in die neue Rechtsform überführt, die Insolvenz ist beendet, und alle Rechtsstreitigkeiten sind beigelegt.

          Wie definieren Sie Ihre neue Rolle als Vorstandsvorsitzender?

          Ich folge in dieser Rolle Peter Suhrkamp, Siegfried Unseld und Ulla Unseld-Berkéwicz nach. Natürlich fühle ich mich ihnen inhaltlich und moralisch verpflichtet. Aber sich in der Linie einer Tradition zu befinden, weiterzuführen, was andere begonnen haben, das ist ja immer beides: Fundament, Glück, Ehre einerseits und Verpflichtung, manchmal auch Bürde andererseits. Meine Aufgabe ist es, die intellektuelle, strategische und programmatische Ausrichtung des Verlags wesentlich zu bestimmen. Ich habe eine genaue Vorstellung davon, was der Verlag alles sein kann und sein sollte. Gleichzeitig ist es selbstverständlich, dass programmatische Entscheidungen im Verlag immer nach intensivem Austausch und Diskussionen zustande kommen. Hier sind die Programmleitungen und die Lektorate entscheidend. Und dann ist der Verlag ja auch so etwas wie eine Heimat für seine Autoren. Sie müssen sich aufgehoben fühlen. Das ist eine Verpflichtung und Verantwortung, die liegt bei allen Mitarbeitern und nunmehr insbesondere bei mir.

          Wie sieht Ihr Programm künftig aus?

          In den einzelnen Programmbereichen haben wir so einiges vor. Besonders freue ich mich auf eine Großtat: Von 2016 an werden wir das Gesamtwerk von Ingeborg Bachmann erschließen. Und dann ist ja auch schon viel passiert in den letzten Jahren. Wir haben das Sachbuchprogramm, ergänzend zum Wissenschaftsprogramm, weiter ausgebaut, das werden wir fortsetzen. Und dann werden wir programmatisch das tun, was wir am besten können: gute Bücher publizieren – den Roman der in Deutschland noch weitgehend unbekannten Autorin Rachel Cusk zum Beispiel oder die neapolitanischen Geschichten von Elena Ferrante.

          Verlage stehen derzeit gleich an mehreren Fronten unter Druck, etwa durch das novellierte Urheberrecht oder Vorhaben der VG Wort.

          Das stimmt, wir haben im Augenblick an verschiedenen Stellen mit rechtlichen Rahmenbedingungen zu kämpfen. Aus der Perspektive von Verlagen sind dabei viele Vorschläge einfach inakzeptabel. Das überarbeitete Urhebervertragsrecht zum Beispiel stellt einen Eingriff in die Vertragsfreiheit zwischen Verlagen und Autoren dar. Eine Ausstiegsklausel für Autoren nach fünf Jahren erwirkt auch keine Besserstellung dieser Gruppe. Vielmehr werden sie zusammen mit den Verlagen schlechter gestellt, weil diese Idee den Verlagen die Planungssicherheit nimmt und die Möglichkeiten, in Bücher zu investieren, auch wenn nicht garantiert ist, dass sie nach fünf Jahren abgeschlossen sind. Bücher brauchen Zeit, Autoren brauchen Zeit, Werke brauchen Zeit. Da kann man nicht einfach zu einem bestimmten Zeitpunkt einen Schnitt setzen. Und das EuGH-Urteil zur VG Wort ist genauso problematisch. Wieder werden Autoren und Verlage gegeneinander ausgespielt, obwohl es dafür keinen Anlass gibt. Sollte den Verlagen die Partizipation an den Ausschüttungen abgesprochen werden, vermeintlich zugunsten der Urheber, greift das die Verlage existentiell an. Kein Autor, mit dem ich gesprochen habe, findet das richtig.

          Welche Rolle wird Ulla Unseld-Berkéwicz künftig im Verlag spielen?

          Als Vorsitzende des Aufsichtsrats der Verlage ist sie auch in Zukunft in einer entscheidenden Position. Auch darüber hinaus verbindet uns sehr viel: Einvernehmen, Verlässlichkeit, Vertrauen, um weniges zu nennen. In den letzten Jahren haben wir anstrengende und teilweise dramatische Zeiten zusammen durchgestanden. Sie hat mich in den Verlag geholt, und ich habe ihr viel zu verdanken.

          Wie wird die Zusammenarbeit zwischen Vorstand und Aufsichtsrat aussehen?

          Der Aufsichtsrat, bestehend aus Rachel Salamander, Sylvia Ströher und Ulla Unseld-Berkéwicz, kontrolliert, berät und schaltet sich auch ein, wenn die Wellen einmal zu hoch schlagen sollten. Das verlegerische Alltagsgeschäft aber ist nicht die Aufgabe des Aufsichtsrats.

          Das ist die Aufgabe des Vorstands. Und es gibt eine neue Geschäftsleitung. Welche Aufgaben hat sie?

          Im Kreis der erweiterten Geschäftsleitung, der Raimund Fellinger, der Cheflektor, Tanja Postpischil, die Unternehmenssprecherin, und der künftige kaufmännische Leiter angehören, sollen strategische und grundsätzliche Fragen der Arbeit des Verlags diskutiert und entschieden werden.

          Und wie sehen die Eigentümerverhältnisse nach dem Einstieg der Familie Ströher jetzt aus?

          Die Mehrheit der Aktien halten die von Ulla Unseld-Berkéwicz geführte Familienstiftung und die Familie Ströher gemeinsam. Die Stimmrechte ihrer Aktien sind dabei vertraglich gebündelt, und in diesem Bündnis verfügt die Familienstiftung über die Stimmrechtsmehrheit.

          Glauben Sie, dass Mäzenatentum bei Verlagen künftig eine größere Rolle spielen wird?

          Ich glaube, es muss unser Ziel sein, wirtschaftlich so nachhaltig zu handeln, dass der Verlag sich selbst trägt. Und natürlich erwarten dies auch die Eigentümer. Wichtig ist nur, dass sie dies mit dem Maß und der Vernunft derjenigen tun, die ein Verständnis für das Verlegen von Literatur und Wissenschaft haben und wissen, was machbar ist.

          Die Medienholding ist nach wie vor Teilhaber des Verlags, jetzt als Großaktionär?

          Genau.

          Jetzt, da der Konflikt beigelegt ist, gibt es da Überlegungen, sich wieder in eine GmbH zurückzuverwandeln?

          Theoretisch ist alles denkbar. Praktisch stellt sich die Frage im Augenblick nicht.

          Könnten demnächst Aktien der Suhrkamp AG an der Börse gehandelt werden?

          Auf keinen Fall. Nicht jede Aktiengesellschaft ist an der Börse notiert. Der Kreis der Suhrkamp-Aktionäre ist festgelegt, und daran wird sich auch nichts ändern.

          Wird es in zehn Jahren noch gedruckte Bücher geben?

          Natürlich, das gedruckte Buch erfreut sich großer Beliebtheit. Bei uns gibt es die meisten Bücher auch als eBook, und wir erzielen damit einen Umsatz von fünf Prozent. Schon das zeigt, dass die digitale Entwicklung nicht so explosionsartig stattfindet, wie es vielerorts prophezeit wurde.

          Wie geht es dem Verlag heute wirtschaftlich?

          Wir haben insolvenzbedingt Verluste in Millionenhöhe hinnehmen müssen. Das haben wir geschafft. Die Existenz des Verlags ist gesichert. Die Familienstiftung und die Familie Ströher haben wesentlich dazu beigetragen. Wir stehen stabil da, aber natürlich müssen wir immer an der Wirtschaftlichkeit arbeiten.

          Was heißt das?

          Wir müssen profitabel agieren, wie gesagt: so, dass der Verlag sich selbst trägt.

          Führt das zu einer Entscheidung, den neuen Krimi von Friedrich Ani zum Spitzentitel zu machen?

          Wir veröffentlichen seit Jahren Krimis. Und mit Friedrich Ani haben wir einen großartigen Autor hinzugewonnen. Deshalb haben wir sein Buch entsprechend herausgestellt.

          Wollen Sie künftig stärker auf Bestseller setzen?

          Das ist ein Marktsegment, das wir nicht als unseren Schwerpunkt sehen. Wir verlegen Bücher, weil wir von ihnen überzeugt sind. Dabei haben wir dann auch keine Angst vor Misserfolgen und trauen uns an Bücher heran, die andere vielleicht nicht verlegen würden. Wenn dann ein Bestseller dabei herauskommt, umso besser: Dass wir allein im Herbst mit zehn Titeln auf den Bestsellerlisten vertreten waren, zeigt, dass das ein guter Weg ist.

          Jonathan Landgrebe 1977 in Hamburg geboren, studierte Jonathan Landgrebe Wirtschaftswissenschaften in Göttingen, Lyon, Berkeley und München und promovierte über ökonomische und politische Wissenschaft. Der Vater zweier Kinder beriet Buchverlage und Buchhandel und begann 2007 für Suhrkamp zu arbeiten. 2008 wurde er in die Leitung berufen.

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