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Neuer Suhrkamp-Verleger : „Wir haben keine Angst vor Misserfolgen“

Für diese beispiellose Solidarität sind wir sehr dankbar. Aber es ging ja auch um etwas, es ging um ihren Verlag, es ging um den Verlag, der die Geistesgeschichte der Bundesrepublik wie kein anderer geprägt hat. Das galt es zu bewahren, als da jemand kam, der den Verlag als reines Wirtschaftsunternehmen sehen wollte, ohne Rücksicht auf diese Tradition und ohne Verständnis dafür, dass der Verlag nur so gut sein kann wie die Autoren, die ihm ihre Werke anvertrauen.

Jetzt treten Sie an die Spitze dieses Verlags, der sich im letzten Dreivierteljahr in einer Art Übergangszeit befand.

Wir haben diese Zeit gebraucht, um uns neu zu sortieren. Jetzt ist es so weit: Die Verlage sind in die neue Rechtsform überführt, die Insolvenz ist beendet, und alle Rechtsstreitigkeiten sind beigelegt.

Wie definieren Sie Ihre neue Rolle als Vorstandsvorsitzender?

Ich folge in dieser Rolle Peter Suhrkamp, Siegfried Unseld und Ulla Unseld-Berkéwicz nach. Natürlich fühle ich mich ihnen inhaltlich und moralisch verpflichtet. Aber sich in der Linie einer Tradition zu befinden, weiterzuführen, was andere begonnen haben, das ist ja immer beides: Fundament, Glück, Ehre einerseits und Verpflichtung, manchmal auch Bürde andererseits. Meine Aufgabe ist es, die intellektuelle, strategische und programmatische Ausrichtung des Verlags wesentlich zu bestimmen. Ich habe eine genaue Vorstellung davon, was der Verlag alles sein kann und sein sollte. Gleichzeitig ist es selbstverständlich, dass programmatische Entscheidungen im Verlag immer nach intensivem Austausch und Diskussionen zustande kommen. Hier sind die Programmleitungen und die Lektorate entscheidend. Und dann ist der Verlag ja auch so etwas wie eine Heimat für seine Autoren. Sie müssen sich aufgehoben fühlen. Das ist eine Verpflichtung und Verantwortung, die liegt bei allen Mitarbeitern und nunmehr insbesondere bei mir.

Wie sieht Ihr Programm künftig aus?

In den einzelnen Programmbereichen haben wir so einiges vor. Besonders freue ich mich auf eine Großtat: Von 2016 an werden wir das Gesamtwerk von Ingeborg Bachmann erschließen. Und dann ist ja auch schon viel passiert in den letzten Jahren. Wir haben das Sachbuchprogramm, ergänzend zum Wissenschaftsprogramm, weiter ausgebaut, das werden wir fortsetzen. Und dann werden wir programmatisch das tun, was wir am besten können: gute Bücher publizieren – den Roman der in Deutschland noch weitgehend unbekannten Autorin Rachel Cusk zum Beispiel oder die neapolitanischen Geschichten von Elena Ferrante.

Verlage stehen derzeit gleich an mehreren Fronten unter Druck, etwa durch das novellierte Urheberrecht oder Vorhaben der VG Wort.

Das stimmt, wir haben im Augenblick an verschiedenen Stellen mit rechtlichen Rahmenbedingungen zu kämpfen. Aus der Perspektive von Verlagen sind dabei viele Vorschläge einfach inakzeptabel. Das überarbeitete Urhebervertragsrecht zum Beispiel stellt einen Eingriff in die Vertragsfreiheit zwischen Verlagen und Autoren dar. Eine Ausstiegsklausel für Autoren nach fünf Jahren erwirkt auch keine Besserstellung dieser Gruppe. Vielmehr werden sie zusammen mit den Verlagen schlechter gestellt, weil diese Idee den Verlagen die Planungssicherheit nimmt und die Möglichkeiten, in Bücher zu investieren, auch wenn nicht garantiert ist, dass sie nach fünf Jahren abgeschlossen sind. Bücher brauchen Zeit, Autoren brauchen Zeit, Werke brauchen Zeit. Da kann man nicht einfach zu einem bestimmten Zeitpunkt einen Schnitt setzen. Und das EuGH-Urteil zur VG Wort ist genauso problematisch. Wieder werden Autoren und Verlage gegeneinander ausgespielt, obwohl es dafür keinen Anlass gibt. Sollte den Verlagen die Partizipation an den Ausschüttungen abgesprochen werden, vermeintlich zugunsten der Urheber, greift das die Verlage existentiell an. Kein Autor, mit dem ich gesprochen habe, findet das richtig.

Welche Rolle wird Ulla Unseld-Berkéwicz künftig im Verlag spielen?

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