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Autorin Jenny Offill : „Ich glaube an aktiven Fatalismus“

Jenny Offill im Jahr 2020 in New York Bild: Laif

Wie groß sind kleine Schritte im Kampf gegen den Klimawandel? Und was kann Literatur dabei ausrichten? Ein Gespräch mit Jenny Offill, die in ihrem Roman „Wetter“ eine Antwort versucht.

          7 Min.

          Jenny Offill hat einen grandiosen Roman geschrieben, der wie kaum ein zweiter die Stimmungslagen der amerikanischen Gegenwart einfängt: Klimaangst, Geschlechterdebatten, Identitätspolitik, Trumpismus. Es geht um Lizzie, die versucht, ihren Weg zwischen diesen Extremitäten zu finden. Offill, die am renommierten Bard College kreatives Schreiben unterrichtet, hat für ihren Roman einen Ton gefunden, der selbst unter Höchstspannung steht – und sich oft in Humor auflöst. Die Atmosphäre aber bleibt unheimlich. „Wetter“ hat hymnische Kritiken erhalten.

          Tobias Rüther
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wie sind Sie auf diesen genialen Titel gekommen?

          Mein Arbeitstitel war erst ziemlich melodramatisch: „Learning to die“, abgeleitet vom Montaigne-Zitat „Philosophieren heißt sterben lernen“. Aber das war nicht der Ton, den ich wollte. Im Roman hält eine der Hauptfiguren einen Vortrag über schmelzende Gletscher, jemand im Publikum wird richtig wütend und ruft: „Ist mir doch egal! Ich will wissen, was mit dem amerikanischen Wetter passiert!“ Ich finde diese Haltung typisch für mein Land: dass nichts, was wir tun, mit dem Rest der Welt verbunden ist. Ich wollte das Buch dann eine Zeit lang „Amerikanisches Wetter“ nennen, aber nach der Wahl Trumps kamen reihenweise Bücher heraus, die irgendwas mit „Amerika“ im Titel hatten. Im Englischen gibt es auch das Verb „to weather“, es bedeutet „überleben“, wenn auch etwas ramponiert.

          Im Deutschen ist „wettern“ ein Synonym für schimpfen. Der aufgebrachte Mann im Roman hat genau das getan.

          Sehr interessant!

          Wir reden in dem Fall auch von „donnern“ im Deutschen.

          Natürlich tut ihr das.

          Gibt es „to thunder“ nicht auch im Englischen?

          Man kann eine „thunderous voice“ haben, aber als Verb wäre es natürlich auch schön.

          Ihr Buch handelt von der drohenden Vorahnung, dass schreckliche Dinge bevorstehen oder schon passieren. Lebt es sich heute so in Amerika?

          Wir sind im Zustand permanenter gemischter Gefühle. Ich habe beim Schreiben viel an das Wort „Grauen“ gedacht und mich gefragt, was das eigentlich heißt, wenn sich etwas „atmosphärisch“ anfühlt? Das Wort wird bei uns jetzt sehr oft gebraucht. Beim Schreiben habe ich dieses unterschwellige Grauen die ganze Zeit gespürt. Das letzte Mal hat sich das nach dem 11. September so angefühlt. Aber was die gemischten Gefühle angeht: Es bringt auch die großzügigen Seiten in einem hervor, eine schöne Art von Demut, wenn man feststellt, dass wir nicht die einzigen Menschen auf der Welt sind, auf die es ankommt. Es macht Angst, wie sehr alles miteinander zusammenhängt, aber es ist auch echt erstaunlich. In der Corona-Pandemie war es eher unheimlich.

          Wie das Wetter in Ihrer Hauptfigur umschwingt, spürt man von Seite zu Seite. Sie gerät sogar unter Prepper, die sich für den Fall eines Untergangs rüsten.

          Durch so eine Prepper-Phase gehen viele Leute, wenn ihnen klar wird, wie ernst es mit dem Klima ist: Wo soll ich bloß hin? Was soll ich tun, wenn es so weitergeht? Aber mit der Haltung haben Menschen noch nie überlebt. In meinen Ohren klingt die Rhetorik der Klimabewegung oft nicht besonders überzeugend, wenn von „Hoffnung“ die Rede ist. Es werden nicht die prophetischen, beschwörenden Reden sein, sondern die bescheidene, demütige Arbeit, sich mit Nachbarn zusammenzuschließen, um herauszufinden, wie man seiner Community im Katastrophenfall helfen kann. Lizzie hat überall Freunde und Kontakte.

          Also endet der Roman mit der Idee des Kollektivs?

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