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Autorin Jenny Offill : „Ich glaube an aktiven Fatalismus“

Wenn man mitten in einem Roman steckt, fühlt sich das irgendwann an, als hätte man alle Antennen aufgestellt. Manche Sachen habe ich aufgegriffen, aber nicht verstanden. Auf der Lesereise zu meinem vorherigen Roman habe ich oft mit Taxifahrern geredet und dabei Dinge gehört, von denen mir erst später klar geworden ist, dass das Verschwörungstheorien sind – damals wurden die entsprechenden Radiosender langsam populär. Und mir wurde auch klar, wie einsam die Leute sind – und dass die Radiosender diese Einsamkeit füllten. Den Aufstieg der Identitätspolitik habe ich natürlich auch mitbekommen und wie im multikulturellen New York die Angst größer wurde, je näher die Präsidentschaftswahl von 2016 rückte, die Trump dann gewonnen hat. Mein eigentliches Projekt in diesem Buch war aber eigentlich die sogenannte Sorgearbeit. Was es bedeutet, sich um jemanden zu kümmern. Viele Betroffene sagen dann ja: Ich will niemandem zur Last fallen. Die Wahrheit ist: Fast jeder und jede von uns fällt irgendwann mal jemandem zur Last.

Damit wären wir wieder bei der Verbundenheit. Es kommt nicht nur auf das Wetter vor der eigenen Tür an, auf das amerikanische Wetter.

Amerikanisches Wetter: Kalifornien 2021
Amerikanisches Wetter: Kalifornien 2021 : Bild: AP

Ich denke aber nicht in so großen Motiven, wenn es sie gibt, sind sie eher emotional. In einer amerikanischen Fernsehsendung wurde ich mal gefragt, was man aus meinen Büchern „mitnehmen“ soll, und ich habe gesagt: nichts? Manchmal schreibt man einfach nur ein Buch, das man selbst gern lesen würde.

Trotzdem, je länger ich mit Ihnen rede, desto optimistischer wird Ihr Buch. Mir kam es beim Lesen viel desolater vor.

Ich finde es ja auch desolat. Aber ich wollte nicht, dass das Buch falsch endet. Ich wollte zeigen, wie Menschen nach und nach aus ihrer individuellen Sicht zum Denken in größeren Zusammenhängen gelangen. Ich bin Schriftstellerin, ich mag große Gruppen nicht besonders, ich würde lieber alles allein machen. Aber da gibt es schon eine Ambivalenz. Ich fühle mich wie der Doktor in der „Pest“ von Camus, ich glaube an aktiven Fatalismus: Du musst dich trotzdem vorwärtsbewegen und versuchen, Gutes zu tun, ob du nun weißt, ob es nützt, oder nicht.

Im Roman wird einmal der Mond als Alternative zum irdischen Elend genannt, aber jetzt, wo die ganzen Milliardäre wie Bezos und Branson auch schon ins All fliegen . . .

Genau, jetzt machen sie auch noch den Mond kaputt!

Ihre Antwort auf die Frage, woher der Trost kommt, scheint aber vielmehr zu sein: andere Menschen. Und: nicht aufgeben.

Für mich liegt Trost auch darin, dass wir immer noch nicht wissen, was wir eigentlich wirklich wissen über die Welt. Ich hoffe auf neue, überraschende und nützliche Erkenntnisse. In Deutschland hatten Sie ja auch so schreckliche Regenfälle – die Vereinigten Staaten sind riesig, wir haben hier so viele Naturkatastrophen erlebt, aber die Reaktionen darauf blieben regional begrenzt. Wir haben uns an schreckliche Stürme und Hurrikans gewöhnt. Als dann im Sommer an der Ostküste auf einmal sehr viel Regen sehr schnell fiel, war das aber neu. Ich habe nur gedacht: Oh no, das ist dann wohl die nächste Version, wie die Dinge auseinanderfallen können. Es ist zweischneidig: Menschen passen sich an. Vielleicht werden sie an einen Punkt kommen, an dem ihnen das nicht mehr gelingen wird, aber bis dahin werden sie erforschen, ob wir beispielsweise Wasser aus der Luft gewinnen können. Menschen finden ihre Nische, in der sie etwas tun können. Alles andere wäre eine eigene Art von Verdrängung, also fatalistisch zu sein und zu sagen: Ich bin raus. Es ist eh vorbei.

Ist Ihr Roman ein Beitrag, diesen Bewusstseinswandel zu fördern?

Ich hoffe es. Ich wollte in „Wetter“ von einer Figur erzählen, die eben nicht umweltbewegt ist. Die, wenn überhaupt, genervt ist von Umweltschützern. Was, wenn man das alles trostlos findet? Und den Teil der Zeitung nicht liest? Aber was passiert, wenn jemand dann anfängt, darüber nachzudenken? Mir geht es ja auch so. Und das habe ich dann benutzt. Anstatt von einer Heilsbringerin zu erzählen, wollte ich einen ganz normalen Menschen nehmen, so wie wir fast alle sind: eine Klimaheuchlerin, die sich manchmal Sorgen macht und im nächsten Moment Burger mit Freunden isst und nicht mehr drüber nachdenkt. Diese Idealpolitik im Umweltschutz zu betreiben, in der man entweder für das eine oder das andere ist, gibt letztlich nur den Rechtsaußen großen Spielraum für ihre Demagogie. Es ist aber eine Gemengelage. Manchmal leben wir im Einklang mit dem, was wir für ethisch vertretbar halten, und manchmal nicht. Wenn es alle nur so halb hinkriegen, ist das immer noch besser als das, was wir jetzt haben.

Jenny Offill, „Wetter“. Aus dem Englischen von Melanie Walz. Piper Verlag, 224 Seiten, 20 Euro.

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