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Autorin Jenny Offill : „Ich glaube an aktiven Fatalismus“

An dem düsteren Punkt, wo wir heute sind, sind wir doch angekommen, weil wir immer in großen Vorstellungen gedacht haben. Erst die, dass der Mensch sich die Welt untertan machen soll. Später wurde daraus: Wenn wir nur dies oder das oder jenes tun, können wir den Klimawandel noch aufhalten! Mittlerweile gibt es eigentlich keine Variante vom Lauf der Dinge mehr, bei der es nicht böse ausginge. Beim Thema Geoengineering hört man jetzt ständig, dass es ein Allheilmittel geben könnte. Dabei hat der Mensch eine rekordmäßig schlechte Bilanz darin, irgendwas technisch besser zu machen. Eigentlich hat er es dann immer nur schlimmer gemacht. Wenn ich mir anschaue, was beim Kampf gegen den Klimawandel wirklich etwas verändert, sind es die vielen kleinen Dinge. Man kann sich keinen Film über Leute vorstellen, die eine Werkzeugbibliothek oder Selbsthilfegruppen organisieren. Aber genau das hält sie in Katastrophen am Leben, gerade in den Vereinigten Staaten mit ihrem ruinierten sozialen Gewebe. Ich würde vorschlagen: Fight globally, act locally. Es geht nicht nur darum, was jeder oder jede Einzelne tut. Das hat man uns in Jahrzehnten der aktiven Desinformation so verkauft, bis wir gedacht haben, wenn wir die richtigen Glühbirnen kaufen, tun wir schon was.

Welche Rolle könnte die Literatur dabei spielen?

Ich habe sehr lange darüber nachgedacht, ob ich diesen Roman überhaupt schreiben soll. Romane über den Klimawandel sind sonst entweder apokalyptisch oder spekulativ oder sehr, sehr ernst. Ich habe mich gefragt, wie man es auch ein bisschen witzig hinkriegen könnte und zugleich eben nicht apokalyptisch: über das Leben mit dem Grauen, aber auch damit, es zwischendurch wieder zu vergessen. Ich kam mir schon irgendwie doof vor, einen Roman zu schreiben, wo es doch so viele andere Dinge gibt, die man anders tun könnte. Neulich hat aber ein Klimaforscher gesagt: Wenn man sich beim Kampf gegen den Klimawandel nicht das Gebiet aussucht, auf dem man ohnehin unterwegs ist, bleibt man nicht dabei. Ich bin keine besonders gute Aktivistin. Ich bin etwas zu alt, um verhaftet zu werden. Aber ich biete jetzt zum ersten Mal einen Kurs an, „Beyond Dread“, in denen meine Collegestudenten über das Klima schreiben sollen. Wir brauchen Komplexität. Weil es ein komplexes Problem ist. Die BBC macht eine Serie über „Climate Emotions“. Da geht es nicht nur um Trauer. Eine ganze Generation ist wütend. Die Leute sehen nur auf Greta Thunberg, aber wir sind umgeben von lauter jungen Leuten, die vor Wut glühen.

Wie reagieren Sie auf die Stimmen, die man in der Debatte um Identitätspolitik jetzt häufiger hört: dass sich Kunst nicht in den Dienst politischer Anliegen stellen sollte, weil sie das banal macht?

Amerikanisches Wetter: New York, September 2021
Amerikanisches Wetter: New York, September 2021 : Bild: EPA

Fairerweise sollte ich sagen, dass ich auch mal so geredet habe. Mich interessiert am Schreiben von Romanen zuallererst die Sprache. In Museen kann man ja manchmal sehen, wie verschiedene Kunstrichtungen miteinander streiten. Ich habe zwar nicht das Gefühl gehabt, dass ich streite – aber dass ich mich mit dem neuen Buch in ein Gespräch begebe. In den sogenannten politischen Romanen finde ich die Sprache oft gestelzt, die Botschaft dröhnt zu sehr. Wo ich mit meinem Buch landen würde, habe ich selbst erst beim Schreiben herausfinden müssen. Der Kunst sollte es erlaubt sein, ihre Fühler in alle möglichen Richtungen auszustrecken. Ich glaube, dass man das Klimathema nicht mehr aussparen kann, wenn man in einem Roman versucht, darüber zu schreiben, wie das Leben heute ist. Ich habe eine sechzehnjährige Tochter. Ich muss einbeziehen, wie anders ihr Leben sein wird. Und was ich ihr überhaupt anbieten kann als Rat oder Erkenntnis. Das war schon auch ein Ausgangspunkt dieses Buchs.

Es geht darin aber nicht nur um Wetter oder Klimawandel, sondern letztlich um sämtliche heißen Eisen: Trump, Meinungsfreiheit, sexuelle Freizügigkeit, soziale Medien, Generationenkonflikte . . .

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