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Interview mit Philipp Sarasin : Das Jahr, in dem die Welt persönlich wurde

Philipp Sarasin in der berühmten und sehr siebzigerjahreorangen Unterführung von Rainer G. Rümmler am Berliner Messedamm Bild: Andreas Pein

1977, sagt der Historiker Philipp Sarasin, begann die Reise zu sich selbst. Ein Gespräch über Menschenrechte, den PC und die Geburt der Identitätspolitik.

          7 Min.

          Sie versuchen in Ihrem Buch, im Jahr 1977 einen Strukturbruch festzumachen, von der Moderne zur Postmoderne, wenn man es kurz macht, von universellen Ansprüchen zu individuellen, singulären. Am pointiertesten kommt dieser Bruch vielleicht in einem Baudrillard-Zitat vor, das Sie anführen. Er spricht von einer neuartigen „Gewalt“, von der „wir nicht mehr wissen, wie wir sie analysieren sollen“. Was verstand man nicht mehr?

          Harald Staun
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das Zitat stammt aus einem Text über das Centre Pompidou, das 1977 eröffnet wurde. Er beschreibt es als Kulturzen­trum, in dem der Sinn der Kunst gleichsam implodiert, ja verschwindet. In diesem Zusammenhang blickt er auf jene politischen Aktivisten, die sich außerhalb des Rasters einer klassischen linken Politik bewegen – die „Stadtindianer“ oder die „Radiopiraten“ in Italien –, Bewegungen, die nicht mehr das „Zen­trum“ erobern, sondern, so eine Metapher dieser Zeit, „Stämme“ bilden wollen und in ihrer Eigenheit, in ihrer Kultur anerkannt werden wollen. Baudrillard sagt dann, das sei nicht mehr das „expansive Zeitalter des Kapitals und der Revolution“, als das er die Moderne versteht. Vielmehr kehre sich die Energie um und falle gleichsam zurück, wie in ein schwarzes Loch. Und da sagt er: Ich weiß nicht mehr, was das ist, ich kann das nicht mehr einordnen in die modernen Schemata der Welterklärung. Lyotard wird dann zwei Jahre später sagen, es gibt keine „großen Erzählungen“ mehr, was auch diesen historischen Moment in ähnlicher Weise beschreibt.

          Nicht alle haben das als Bruch wahrgenommen. Sie zitieren auch Niklas Luhmann, der die Auflösung aller Gewissheiten gerade für ein Signum der Moderne hält und sagt: Seit der Französischen Revolution, spätestens seit der Industrialisierung, wisse man nicht mehr „was der Fall ist“.

          Interessanterweise ist Luhmanns Beschreibung, es zeichne die Moderne aus, dass alles Bestehende korrosiv wird, also sich zersetzt, gar nicht so weit etwa von Lyotard entfernt. Der Unterschied ist, wie Lyotard dann in seinem Buch über die Postmoderne schreibt, dass die Trauer darüber weg sei, die Sehnsucht nach einem Ganzen, die Möglichkeit, daran zu glauben. Aber mir geht es weniger um eine begriffliche Unterscheidung. Ich habe versucht, die Moderne und ihr Verblassen historiographisch, als Geschichte, fast schon erzählerisch, fassbar zu machen.

          Warum haben Sie sich genau für das Jahr 1977 entschieden? Sie schreiben selbst, es gebe in der Nähe zwei große Konkurrenten: 1973 mit der Ölkrise und 1979 mit der Islamischen Revolution in Iran und dem Einmarsch der Sowjets in Afghanistan.

          Letztlich ist das natürlich kontingent. Mein Ausgangspunkt war sogar ziemlich lapidar: Michel Foucault hatte 1977 ein Freisemester – und ich hatte den Eindruck, dass sich genau dann sein Denken zu verschieben begann. Das Jahr setzte sich damit in meinem Kopf fest, und bald rückten viele, natürlich auch bedeutendere Ereignisse in den Blick: der Deutsche Herbst, die Entstehung des Internets und des Personal Computers, der Eurokommunismus – oder auch Punk, Disco und Hip-Hop, die Architektur der Postmoderne et cetera.

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