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Interview mit Philipp Sarasin : Das Jahr, in dem die Welt persönlich wurde

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Einige Parallelen erscheinen aus heutiger Sicht fast konsequent. Stehen diese auch in kausalen Zusammenhängen? Ich habe mich oft gefragt, ob die Zeitgenossen diese Gleichzeitigkeiten auch schon gesehen haben oder überhaupt sehen konnten.

Nein, das muss man nicht annehmen, das ist das Privileg des Historikers. Zunächst wollte ich einfach gewisse Parallelitäten darstellen. Zum Beispiel, wie westliche Mittelstandskinder anfangen, Bhagwan zu folgen, der den globalen Kapitalismus lobte und sagte, wir müssen den Augenblick leben – und wie gleichzeitig Margaret Thatcher neoliberale Konzepte verkündete.

Das meinte ich. Wenn ich als Hippie im Ashram merke, Margaret Thatcher sagt genau das Gleiche, was mein Guru sagt, wäre ich vielleicht stutzig geworden.

Oder bin dann bereit zu sagen: Ich gründe ein Start-up. Wie Steve Jobs. Es ist schon klar, dass diese sich verändernde, nun, vielleicht „Stimmung“ auch den Zeitgenossen bewusst war. Der politische Anspruch der 68er zerfiel zunehmend, viele ehemalige Linke machten sich auf die Reise zu sich selbst.

Was verursachte diese Verschiebung ins Private? War das in Deutschland der Schock über die Gewalt der RAF? Oder der Frust über die uneingelösten Versprechen der Revolution?

Ich glaube, beides. In der Alternativszene war der Frust darüber mit Händen zu greifen, dass sich die Revolutionshoffnungen nicht realisierten und eine bestimmte linke Lebenspraxis vom Flugblattverteilen bis hin zum sogenannten „bewaffneten Kampf“ alles andere als attraktiv war. Dabei spielten Frauen eine ganz wichtige Rolle, die ihre männlichen Genossen mit der schäbigen Realität ihres nach wie vor „bourgeoisen Verhaltens“ konfrontierten. Aber auch die Frankfurter Spontis, namentlich Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit, suchten jetzt mit der Frage „Was hat das alles mit mir zu tun?“ nach Konkretheit im Alltag. Andererseits wird 1977 das zunehmende Befremden über die Gewaltspirale zwischen RAF und Staat deutlich, etwa in Zeitschriften wie dem Pflasterstrand. Als die „Landshut“ entführt wurde, hieß es dort: Jetzt ist bei uns Schluss, das können wir endgültig nicht mehr nachvollziehen.

Der Trend zur individuellen Sinnsuche etabliert sich damals in vielen Bereichen: in einer „Neuen Subjektivität“ in der Literatur, in unzähligen esoterischen Sinnstiftungsangeboten oder der Fitness-Welle. Sie zeigen, dass auch im Kampf um die Anerkennung von Menschenrechten die Individualisierung der Politik deutlich wird. Das klingt doch erst mal nach einem Konzept mit universellem Anspruch?

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