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Wer darf Gorman übersetzen? : Es geht vor allem um Machtpolitik

  • -Aktualisiert am

Präsidentinnenrhetorik? Amanda Gorman bei der Amtseinführung Bidens am 20. Januar in Washington Bild: Reuters

In der Debatte um die Übersetzung von Amanda Gormans Gedichten geht es nicht um die angemessene Vermittlung von Poesie. Es geht um Marktwert und die Inbesitzname von Kunst. Ein Gastbeitrag.

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          Soll man ernsthaft eingehen auf die Auseinandersetzung um Amanda Gormans Gedicht? Soll man ernsthaft mitdiskutieren, ob ein Künstler nur nach Überprüfung der Herkunft akzeptabel ist? Oder hat nicht die Verbotsfraktion bereits gewonnen, wenn man beginnt, ein Für und Wider abzuwägen? Tobias Dörings lesenswerter Beitrag dazu hat ein Manko: Er setzt voraus, es gehe um Fragen der Übersetzung und ihrer Poetik. Es geht aber um etwas völlig anderes: um Macht und um die Kunst. Es geht um moralisch verkleidete Machtansprüche und um die modische Anpassungsbereitschaft, mit der immer mehr Institutionen – Verlage, Kritiker, Veranstalter, Presse – diesen nachgeben. Und damit geht es um Kunst überhaupt. Amanda Gorman schreibt Poesie, also Kunst. Übersetzung von Poesie (sofern nicht auf interlineare Inhaltsangabe beschränkt) ist Teil der Poesie, also ebenfalls Kunst. Der Versuch, sie an irgendwelche ethnische Kriterien zu knüpfen, trifft also mitnichten nur die Übersetzung, sondern natürlich die Poesie, ja die Kunst als Ganzes.

          Die Erinnerung zeigt eine Verlagskonferenz Ende des vorigen Jahrhunderts; es geht um einen Klassiker des neunzehnten Jahrhunderts, der Autor ein zünftiger großer weißer Mann mit Bart, die Übersetzerin sucht einen Verlag für ihr Projekt. Müsse, sagt ein kleiner weißer Mann ohne Bart, müsse das nicht eigentlich doch ein Mann übersetzen? Ja, sagt eine Kollegin, da ist womöglich was dran... Der Einwand verrinnt dann irgendwo im Sande, denn trotz intensiver Suche findet niemand ein Argument, das mehr ist als pures Ressentiment. Ein paar Jahre später, es geht um eine schwarze Amerikanerin, soll die Übersetzerin unbedingt eine Frau sein, wobei es dann auch bleibt. Ob das heute noch reichen würde?

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