https://www.faz.net/-gr0-9nbj7

„Hunger“ von Roxane Gay : Fettsein als Überlebensstrategie

Roxane Gay in einer Live-Sendung im amerikanischen Fernsehen Bild: Getty

Die amerikanische Feministin Roxane Gay erkundet in ihrem schonungslosen Buch „Hunger“ die Festung ihres Körpers. Eine autobiographische Erzählung, die mit ihrer Forderung zum richtigen Zeitpunkt kommt.

          4 Min.

          Die amerikanische Schriftstellerin Roxane Gay ist 1,91 Meter groß und wog in ihren schwersten Zeiten 261 Kilogramm. Seit beinahe drei Jahrzehnten sitzt die Autorin nun in diesem Körpergefängnis fest, das sie in ihrem Bekenntnisbuch „Hunger“ maximal drastisch beschreibt: „Ich bin fett – ich habe dicke Rollen aus braunem Fleisch an Armen und Schenkeln und Bauch. Ich bin von Dehnungsstreifen zerklüftet und habe tiefe Cellulitetaschen an meinen massiven Oberschenkeln.“

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          In einer auf optimierte Oberflächen fixierten Gesellschaft, in der der weibliche Körper gleichzeitig extrem schlank und erotisch kurvig zu sein hat, gilt Fettleibigkeit als verachtenswert, ein Ausdruck von Schwäche und fehlender Disziplin. Aus dem Ruder gelaufene, nimmersatte XXL-Körper wie jener von Roxane Gay sind in der Size-Zero-Welt eine Zumutung, als wäre Fettsein eine bewusste Entscheidung, als hätten all die adipösen Menschen Spaß am täglichen Spießrutenlauf, als perlten die angewiderten und mitleidigen Blicke ihrer Umwelt an ihnen ab. Ein dicker, gar fetter Körper ist niemals unsichtbar und für gewöhnlich urteilt jeder über ihn. Abwertende Bezeichnungen existieren reichlich, Roxane Gay kennt sie alle. Doch warum ein Körper eigentlich ist, wie er ist, möchte niemand wissen – dabei erzählt jeder Körper eine Geschichte, und manche Geschichten sind albtraumhaft.

          „Ich war zersplittert. Ein Teil von mir war tot.“

          Roxane Gays Körper war einmal schmal und unauffällig, da war sie zwölf Jahre jung. Kein Kinderkörper mehr, aber auch noch kein Erwachsenenkörper – ein verletzlicher Körper auf der Suche nach Zuneigung. Dieser Körper wurde vergewaltigt. Der Junge, von dem Roxane Gay sich sehnlichst wünschte, er würde sie mögen wie sie ihn, zerstörte gemeinsam mit ein paar Freunden ihr Leben in einer Waldhütte. Die Täter missbrauchten, quälten, zerstörten nacheinander Roxane Gays Körper und ihre Seele: „Mein Körper wurde zerbrochen. Ich wurde zerbrochen. Ich wusste nicht, wie ich mich wieder zusammensetzen sollte. Ich war zersplittert. Ein Teil von mir war tot.“

          2014 erschien Roxane Gays vielgelobter Essayband „Bad Feminist“, der inzwischen auch auf Deutsch vorliegt. Der Titel spielt auf das Imperfekte der für die richtige Sache kämpfenden Autorin an, die trotz der oft frauenverachtenden Texte Rap liebt, nicht sämtliche feministischen Schlüsseltexte gelesen hat und Frauenmagazine ebenso mag wie die Farbe Pink. Die kulturkritische Perspektive behält die 1974 in Omaha, Nebraska, geborene Roxane Gay auch in „Hunger“ bei, aber sie versteckt ihre traumatische (Körper-)Geschichte nicht dahinter, sondern legt sie in einer Weise offen, die die inflationär gebrauchten Begriffe schonungslos und radikal tatsächlich einmal rechtfertigt.

          Scham, eines der mächtigsten Gefühle

          Gegenüber ihren aus Haiti eingewanderten Eltern, die sich mit Fleiß und Ehrgeiz ein erfolgreiches Leben in Amerika aufgebaut haben und die Körperzurichtung ihrer Tochter mit großer Sorge beobachten, verschweigt Roxane Gay die Vergewaltigung. Dass sie ihren Schmerz so tief in sich hineinfrisst, bis er sie beherrscht, hat nichts mit fehlender Liebe oder dem Gefühl zu tun, zu Hause unbehaust zu sein. Scham, eines der mächtigsten Gefühle, lässt sie verstummen. Und wie so viele Opfer sexueller Gewalt empfindet die in einer Spirale aus Selbsthass gefangene Roxane Gay Schuld: „Noch heute fühle ich mich schuldig, nicht nur für das, was passierte, sondern auch dafür, wie ich danach damit umging, für mein Schweigen, für mein Essen und dafür, was aus meinem Körper geworden ist.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Altmunition im Meer : Sprengstoff im Fisch

          1,6 Millionen Tonnen Munitions- und Sprengstoffreste werden in der deutschen Nord- und Ostsee vermutet. Sie lösen sich langsam auf – und belasten schon jetzt stellenweise Tiere und Pflanzen.

          Kein grünes Licht für Ungar : Von der Leyen kann noch nicht aufatmen

          Der Start von Ursula von der Leyens neuer EU-Kommission bleibt in der Schwebe: Der Kommissarkandidat aus Ungarn muss in die Nachbefragung. Und wegen Großbritanniens Weigerung, vor den Neuwahlen einen Bewerber zu nominieren, leitet Brüssel derweil ein Strafverfahren ein.
          Ort einer Tragödie: S-Bahnhof Frankenstadion in Nürnberg (Archivbild)

          Am S-Bahnsteig : Stoß mit tödlichem Ende

          Zwei Jugendliche sind in Nürnberg angeklagt, zwei Schüler ins Gleisbett geschubst zu haben. Die beiden Jungen hatten keine Chance: Den Angriff konnten sie nicht sehen – die Täter standen hinter ihnen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.