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100 Jahre Wolfgang Borchert : Warum weinst du denn, Alter?

  • -Aktualisiert am

Aus dem Nachlass: eine eigene Illustration Borcherts zu seiner im März 1945 entstandenen unveröffentlichten „Hafenballade“ Bild: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg

Drastik, Jazz und Zȁrtlichkeit: Hamburg feiert Wolfgang Borchert, der heute vor hundert Jahren geboren wurde. Sein jetzt digital frei zugänglicher Nachlass offenbart neben dem Dichter auch den noch unbekannten Maler.

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          Charly Hübner ist als Schauspieler gebucht auf nordische Schnoddrigkeit, ob in Spielfilmen oder im Rostocker „Polizeiruf“ – aber seine Paraderolle in diesem Ton, das zeigte sich nun, ist vielleicht die des Wolfgang-Borchert-Vorlesers. Den Eingangsdialog aus Borcherts Jahrhundert-Drama „Draußen vor der Tür“ zwischen einem Beerdigungsunternehmer und einem alten Mann, bald darauf entlarvt als der personifizierte Tod und der „Gott, an den keiner mehr glaubt“ – diesen bitter-nihilistischen und doch auch von Situationskomik geprägten Dialog macht Hübner im Vortrag so plastisch-drastisch, dass es eine schreckliche Freude ist.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          „Rülpst mehrere Male und sagt dabei jedesmal: Rums!“ lautet die Regieanweisung für den vor Leichenfresserei aufstoßenden Tod, und Hübner setzt das gnadenlos konsequent um, so dass Bauerntheater auf Sartre’schen Ekel trifft, aufgefangen von einer gewissen Rührseligkeit, wie sie bei Borcherts Texten immer im Hintergrund und manchmal auch im Vordergrund steht. „Warum weinst du denn, Alter?“, fragt der Tod, und Gott sagt: „Weil ich es nicht ändern kann. Es sind doch alles meine Kinder! Sie erschießen sich. Sie hängen sich auf. Sie ersaufen sich. Sie ermorden sich, heute hundert, morgen hunderttausend.“ Hübner steht auf der Bühne der Hamburger Kammerspiele, wo das Stück am 21.November 1947 uraufgeführt wurde, im Publikum die Eltern des Verfassers. Ihr Sohn allerdings war einen Tag zuvor gestorben. Er wurde nur 26 Jahre alt.

          Wolfgang Borchert während seiner Theaterzeit in Lüneburg 1941
          Wolfgang Borchert während seiner Theaterzeit in Lüneburg 1941 : Bild: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg

          Die Stadt Hamburg feiert diesen Sohn, der heute hundert geworden wäre, mit einem mehrwöchigen Festival, das natürlich unter der Pandemie zu leiden hat. Bei der Eröffnungsveranstaltung fast ohne Publikum, dafür ins Netz übertragen, lotete man mit verschiedenen Stimmen Borcherts notgedrungen schmales und doch tiefes Werk, das Lyrik, Prosa und Dramatik umfasst, aus: zwischen seiner Drastik und Zärtlichkeit, zwischen Döblin’scher Sachlichkeit und lyristischem Pathos, zwischen komödiantischen und musikalischen Aspekten. Borcherts Text „Hamburg“, gesetzt in Prosa, hier vorgetragen vom heutigen Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher – vielleicht im Herzen doch eine Hölderlin’sche Ode mit dem Tenor „Lange lieb’ ich dich schon“? So abwegig wäre das nicht, denn der jugendliche Borchert verehrte Hölderlin ebenso wie Rilke. Aber auch Jazz ist da schon herauszuhören: „Stadt: Urtier, raufend und schnaufend, Urtier aus Höfen, Glas und Seufzern, Trȁnen, Parks und Lustschreien“.

          Nebel ums Mikrofon und um die Laterne

          Hätte Borchert länger gelebt, vielleicht wäre aus ihm ein deutscher Beat-Dichter geworden. Oder auch ein Sketch-Schreiber: In seiner Erzählung „Schischyphusch“, hier verlesen von Isabel Bogdan, treffen ausgerechnet zwei Menschen mit demselben Sprachfehler aufeinander. Der eine denkt, der andere machte sich über ihn lustig. Ein Soulsänger wie der Hamburger Stefan Gwildis wäre Borchert wohl nicht geworden – aber trotzdem auch nicht ganz abwegig, wie Gwildis in einer Adaption Borcherts Nebel hier nun um die Laterne haucht. Auch als Rezitator macht er sich gut bei einigen unsterblichen Zeilen: „Das Geglüh und der Hund machten die Nacht zur Nacht.“

          Archivalien aus Borcherts Besitz: Das Buddelschiff „Tui Hoo“, benannt nach dem sprechenden Seewind aus der gleichnamigen Erzählung
          Archivalien aus Borcherts Besitz: Das Buddelschiff „Tui Hoo“, benannt nach dem sprechenden Seewind aus der gleichnamigen Erzählung : Bild: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg

          Dann noch Borcherts 1946 entstandener Nachkriegsgenerationentext „Das ist unser Manifest“, der Rilke verächtlich zu machen sucht, auf schöne Kunst und gute Grammatik pfeift, stattdessen auf Derbheit setzt, gar fordert, zur Geliebten „alte Sau“ zu sagen: vielleicht gerade in der Distanzierung vom Guten und Schönen sich doch sehnend danach? Ziemlich sicher. Denn am Ende steht ein Trotzalledem: „Doch, doch: Wir wollen in dieser wahn-witzigen Welt noch wieder, immer wieder lieben!“

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